Urbane Kulturen der Nachhaltigkeit
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Gelebte Nachhaltigkeit: Auf der Suche nach dem nachhaltigen Zürich

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Gelebte «Nachhaltigkeit»:
Auf der Suche nach dem «nachhaltigen» Zürich

von Vera Tramer

Das Rascheln eines Papiers, das Kratzen des Bleistiftes, ein kurzes Absetzen, ein Gedanke, weiteres Kratzen... Strich um Strich entsteht auf einem weissen A4-Blatt eine Bleistiftzeichnung. Ein Halbkreis als Zürichsee, zwei parallele Linien bilden die Ufer der Limmat. Eine geschwungene Linie, auf dem höchsten Punkt ein senkrechter Strich, der Uetliberg samt Fernsehturm. Zwei Rechtecke stehen für den Hauptbahnhof und das Büro. Verbindend dazwischen zwei weitere parallele Linien als Bahnhofsbrücke. Ein gewellter Pfeil führt nach oben vom Hauptbahnhof weg nach «Winti». Am unteren Rand des Papiers das Wort Zoo. Gestrichelte Linien zeigen den Bewegungsraum an. – Zu Beginn unserer Gespräche zeichnen Dorothe, Rahel und Olivia (Vgl. Anm. 1) jeweils eine Mental Map ihres Zürichs. Jede Mental Map fällt dabei anders aus. Die Stadt Zürich ist vielfältig und ermöglicht unterschiedliche Lebensführungen. Alle Personen, die in dieser Stadt unterwegs sind, bewegen sich durch dieselbe Stadt und kennen sie trotzdem ganz anders.

Bestandsaufnahme und die Hoffnung auf mehr
So wie es nicht das eine Zürich gibt, existiert auch nicht das eine «nachhaltige» Zürich. Je nach eingenommener Perspektive sieht dieses Zürich anders aus. Monate vor meinen Gesprächen mit Dorothe, Olivia und Rahel entstand in unserem Projektseminar durch gemeinsames Zusammentragen eine Inventarisierung «nachhaltiger» Institutionen, Events, Vereine, Treffpunkte, Plattformen und Netzwerke in Zürich. Diese Inventarisierung konzentrierte sich stark auf ein «nachhaltiges» Zürich, welches in erster Linie im Internet präsent ist und sich dort präsentiert. Der Zugang durch das Internet wirkt sich stark auf die Ergebnisse einer Inventarisierung aus: BachserMärt, Canto Verde, Alnatura, Chornlade, ÄssBar, Chez Mamie, Öpfelchasper, Gartengold – die Liste «nachhaltiger» Konsummöglichkeiten liesse sich ähnlich klangvoll fortsetzen. Zu den zahlreichen Angeboten im Lebensmittelbereich gesellen sich beispielsweise mit Freitag, rrrevolve und changemaker ähnlich kreativ benannte Geschäfte, in denen «nachhaltige» Gegenstände und Kleidung zu kaufen sind. Unsere Erstaufnahme eines «nachhaltigen» Zürichs entspricht eher einem wissenschaftlich konstruierten Bild. Ich erhoffte mir, durch Gespräche mit drei Frauen, welche eine bewusst «nachhaltige» Lebensführung umzusetzen versuchen, alltäglichere, lebensweltliche Perspektiven auf ein «nachhaltiges» Zürich zu finden.
Ich verteilte eine entsprechende Anfrage in einigen einschlägigen Läden, woraufhin Dorothe, Rahel und Olivia mich kontaktierten. Alle drei bemühen sich um eine «bewusst nachhaltige» Lebensführung. In meiner Anfrage liess ich offen, was genau unter «nachhaltig» zu verstehen sei, da der Begriff inzwischen ein grosses Spektrum an Perspektiven und Interessen umfasst (Neckel 2018a, 11). Ich verliess mich diesbezüglich auf die Selbsteinschätzung meiner drei Gesprächspartnerinnen und thematisierte deren Verständnis von «Nachhaltigkeit» in den einzelnen Gesprächen.
Dorothe, Rahel und Olivia sind drei Frauen, die in Zürich leben oder dort beruflich unterwegs sind. Dorothe wohnt in Winterthur, ist 53 Jahre alt und arbeitet als Kauffrau mit einem 80% Pensum bei einer NGO für Entwicklungszusammenarbeit in Zürich. Rahel, 22-jährig, studiert an der Universität Zürich, lebt in Oerlikon und arbeitet neben dem Studium in verschiedenen Bereichen. Ehrenamtlich engagiert sie sich bei einem Verein, der sich für «Nachhaltigkeitsthemen» einsetzt. Olivia arbeitet neben dem Studium 40% bei der gleichen NGO für Entwicklungszusammenarbeit in Zürich wie Dorothe. Sie ist 23, wohnt in Zürich und ist neben Studium und Beruf parteipolitisch bezüglich Umweltthemen aktiv.

Wohnalltag als Dreh- und Angelpunkt «nachhaltigen» Lebens

«[...] also Zuhause ist wichtig, wegen des Kochens ja. Zuhause ist aber auch wichtig, weil Zuhause… also wenn ich jetzt wirklich so von den Nachhaltigkeitsthemen ausgehe, habe ich als ich ausgezogen bin und an WG-Gespräche gegangen bin, ihn, mit dem ich jetzt zusammen wohne, gefragt, wie er es hat mit Recycling und so, denn es war mir wichtig.»

Bereits in Rahels Mental Map wird ersichtlich, dass ihr Zuhause für ihre bewusst «nachhaltige» Lebensführung zentral ist.

Abb. 1: Rahels Mental Map.

Abb. 1: Rahels Mental Map.

«Profane» Themen spielen in Bezug auf «Nachhaltigkeit» und das Zuhause eine Rolle. Dorothe spricht den grösseren Energieaufwand ihres Hauses im Gegensatz zu einer Wohnung an. Sie möchte ungern weniger heizen oder kürzer duschen, denkt aber darüber nach. Der Kulturanthropologe Peter Hörz beschreibt in seinem Aufsatz Agrarlust in der Stadt, dass die beforschten Akteur/innen «[a]us den gängigen Exkursen über die mangelhafte Qualität der Nahrungsmittel und die Knappheit der Ressourcen, über Klimawandel und Tierschutz – aus den Einsichten in diese ‹Wirklichkeiten›» (Hörz 2017, 219) Konsequenzen ziehen und aktiv werden. In diesem Sinne spielte für die Entstehung von Dorothes «Nachhaltigkeitsbewusstsein» auch die Veröffentlichung des Brundtland-Reportes im Jahr 1987 eine entscheidende Rolle:

«[...] irgendwie hat mir das damals sehr eingeleuchtet. Eben dass man nicht Ressourcen verbrauchen sollte, auf Kosten von zukünftigen Generationen [...], also… dass die Ressourcen limitiert sind und man eben nicht mehr brauchen kann als wir haben, [...] ich wollte immer etwas dazu beitragen, eben dazu, dass ich eben möglichst schonend mit diesen Ressourcen auch umgehe.»

Dorothes Bestreben, aktiv etwas zum schonenden Umgang mit Ressourcen beizutragen, kann als «Selbstwirksamkeit» bezeichnet werden. In ihrem Aufsatz Reparieren als nachhaltige Praxis im Umgang mit begrenzten Ressourcen? verwendet die Kulturanthropologin Maria Grewe diesen Begriff aus der Psychologie. Der Begriff wurde durch Albert Bandura eingeführt, der darunter den «Glaube[n] an die eigene Kompetenz, Ereignisse im Leben zu verändern und schwierige Anforderungssituationen zu lösen» (Grewe 2015, 280) versteht. Maria Grewe sieht im Erleben von Selbstwirksamkeit beispielsweise die Motivation von Ehrenamtlichen begründet, sich in Repair-Cafés zu engagieren. Doch wie gezeigt, kann Selbstwirksamkeit auch im alltäglichen Handeln erfahren werden. Ein weiterer Aspekt, den Maria Grewe im Zusammenhang mit Repair-Cafés beschreibt, ist das Handeln der Ehrenamtlichen als soziale Akteur/innen. Diese agieren in vorhandenen Strukturen und verändern zugleich diese Strukturen durch die eigenen Handlungen. Dabei können soziale Netzwerke entstehen (Vgl. Grewe 2015, 282). Olivia ist bestrebt, ihre Kompost-Situation zu verbessern. Dabei würde ein aktives soziales Netzwerk unter den Nachbar/innen helfen. Denn in einer Stadt wie Zürich ist das Thema Abfallentsorgung oder spezifischer Kompostierung mit Organisation verbunden. In der Regel schliesst ein ganzes Haus ein Abonnement mit der Grünabfuhr ab. Das bedeutet, wie Olivia erklärt, dass sie alle Parteien ihres Wohnhauses anfragen müsste und die Zusage von allen Beteiligten bräuchte. Diesen Vorgang empfindet sie als sehr mühsam. Deswegen sucht sie nun eine Möglichkeit für einen Kompost auf dem Balkon. Eine Variante wäre ein Wurmkompost, doch dieser ist für sie als Studentin nicht wirklich erschwinglich. Auch Peter Hörz stiess bei seinen Untersuchungen auf den Kompost und seine Bezeichnung als «Sparkasse des Gärtners». Da einige Kompost-Lösungen nicht gerade günstig sind, sei diese Bezeichnung etwas verwirrend. Sie «bezieht sich hier allerdings nicht auf einen sparsamen Umgang mit Geld, sondern auf einen sorgsamen Umgang mit ‹Ressourcen›» (Hörz 2015, 211).

Der Supermarkt von nebenan – erschwinglich und nah
Wähler/innen der Grünen und Angehörige postmaterialistischer Strömungen wie des Do It Yourself sowie vergleichbarer zivilgesellschaftlicher Bewegungen gehören verschiedenen Studien zufolge mehrheitlich zu den Milieus der neuen (urbanen) Mittelschichten (Neckel 2018b, 60; Fenske 2017, 222; Kaschuba 2015, 22). Der Soziologe Sighard Neckel weist in seinem Aufsatz Ökologische Distinktion darauf hin, dass «eine vegetarische oder vegane Ernährung recht verlässlich die Zugehörigkeit zu einem ökologisch gestimmten Mittelschichtenmilieu anzeigt» (Neckel 2018b, 61). Zudem stellt er eine Verbindung zwischen den Auffassungen von «Nachhaltigkeit» und den zentralen Handlungsprinzipien der Mittelschichten her. Beispielsweise dem Haushalten mit verfügbaren Ressourcen. Olivia, Rahel und Dorothe könnten, was Ernährungsweise, Bildung und (zukünftige) finanzielle Mittel betrifft, der Mittelschicht zugeordnet werden. Trotzdem erschwert ihre (momentane) finanzielle Lage die Absicht, bewusst «nachhaltig» zu leben. Rahel hatte mich für meine Forschung auf den Zero-Waste-Laden Chez Mamie hingewiesen. Darauf angesprochen, ob sie dort selbst einkaufe, antwortet sie: «Nicht so fest, weil ich nicht so viel Geld habe, als dass ich mir… das ist wieder so eine Prestige-Frage leider… dass ich mir das regelmässig leisten könnte [...].» Bei ihren alltäglichen Einkäufen achten Dorothe, Olivia und Rahel auf die gleichen Punkte. Sie legen Wert darauf, möglichst biologisch produzierte, saisonale und regionale Produkte einzukaufen. Dies ermöglichen ihnen die Grossverteiler Coop und Migros. Es ist in ihren Augen nicht nötig, dafür Bio-Läden aufzusuchen. Die drei Frauen sind zufrieden mit dem Angebot, das Coop und Migros ihnen bieten und sie haben nicht das Gefühl, in Bezug auf das Sortiment auf etwas verzichten zu müssen. Dennoch verzichten sie aufgrund der bewusst «nachhaltigen» Lebensführung auf einige bestimmte Produkte. Da Olivia eigentlich nichts kaufen möchte, das von ausserhalb Europas kommt, steht manches Obst und Gemüse nicht auf ihrem Einkaufszettel: «Mango, Ananas esse ich wirklich nie, oder auch Avocado extrem selten. Also ich habe schon Avocado aus Europa gefunden, aber das kommt mega selten vor.» Spezifische Läden, in denen man «nachhaltig» einkaufen kann, sieht Dorothe kritisch. In der Nähe ihrer Schwester habe so ein neuer Laden aufgemacht und der sei wirklich auch gemütlich, aber sie habe den Eindruck, viele dieser Läden seien elitär und für viele Menschen nicht zugänglich. Solche Läden würden vielleicht das Bewusstsein für «Nachhaltigkeit» fördern, aber Dorothe zweifelt daran, dass deswegen alles «nachhaltig» werde. Dahingegen ermöglichten Migros und Coop mit ihrem breiten Angebot an biologisch produzierten Produkten viel niederschwelliger eine bewusst «nachhaltige» Lebensführung in Bezug auf Ernährung und Lebensmittelkonsum. Allerdings fragt sich Dorothe durchaus, wie «nachhaltig» Coop und Migros tatsächlich sind.
Die finanziellen Mittel sind in Bezug auf ihre bewusst «nachhaltige» Lebensführung eine Einschränkung meiner drei Gesprächspartnerinnen. Eine weitere sind die Wege, welche sie in ihrem Alltag zurücklegen. Migros und Coop liegen jeweils auf dem Weg, gewissermassen in der Alltagswelt meiner drei Gesprächspartnerinnen. Sie müssen für den Einkauf dort keine Umwege auf sich nehmen.

Städtische Möglichkeitsräume der «Nachhaltigkeit»
Bio-, «nachhaltige» Quartier- und Zero-Waste-Läden, Start-Ups für wohnungstaugliche Wurmkomposts und Wildbienen auf dem Balkon, Gemeinschaftsgärten und Vereine wie StadtWildTiere – Die Stadt Zürich bietet zahlreiche und vielfältige Möglichkeiten für eine bewusst «nachhaltige» Lebensführung. Dass sich eine solche in bestimmten Siedlungsstrukturen besser umsetzen lässt als in anderen, betont der Kunsthistoriker Hanno Rauterberg in seiner Monographie Wir sind die Stadt! Er schreibt: «Der Wunsch, die eigene Existenz aus den üblichen Rastern zu lösen und ein Leben eigenen Stils zu führen, lässt sich in einem urbanen Viertel, dort, wo die Vielfalt wohnt, leichter erfüllen» (Rauterberg 2013, 28). Rahel, Dorothe und Olivia sind sich der Möglichkeiten bewusst, die die Stadt Zürich und vor allem gewisse Quartiere bieten würden, allerdings wirken neben dem Geld andere Einschränkungen auf ihre bewusst «nachhaltige» Lebensführung. Olivia verweist auf die Wichtigkeit der geringen Distanz zu den Angeboten:

«[...] es gibt Orte, da ist es ein bisschen einfacher, das auszuleben hab ich das Gefühl, so Wiedikon oder Idaplatz so nach hinten, dort hat man mehr auch so Läden, die keine Verpackungen haben, [...] oder auch nur schon, wenn man eben in der Nähe eines Marktes wohnt. [...] das hilft auch schonmal [...].»

Gefragt, wie sie den Markt oder die Zero-Waste-Läden entdeckt hat, nennt Olivia ihre Bekannten, welche sie durch ihr politisches Engagement kennt. Auch Rahel weiss vom Flohmarkt auf dem Helvetiaplatz, auf dem sie inzwischen am liebsten Second-Hand-Kleidung kauft, durch einen Bekannten. Durch ihre sozialen Netzwerke lernen Olivia und Rahel neue Orte in Zürich kennen, die ihr bewusst «nachhaltiges» Leben beeinflussen. «Es sind ganz unterschiedliche soziale und räumliche Konfigurationen, in denen dieses urbane Wissen kommuniziert, zirkuliert und praktiziert wird – sei es im alltäglichen Modus des Gesprächs wie im digitalen Medium des Internets» (Kaschuba 2015, 19) schreibt Wolfgang Kaschuba, Ethnologe und Kulturwissenschaftler in seinem Aufsatz Vom Wissen der Städte. Die so entstehenden «Wissensmilieus» seien mit- und ineinander verwoben. Ein weiteres aktuelles Beispiel für solche spezialisierte Wissensvermittlung ist ein «Nachhaltigkeits»-Quartiersplan, die Karte der Möglichkeiten (Vgl. Anm. 2).

Abb. 2: Die Karte der Möglichkeiten der Kreise vier und fünf in Zürich.

Abb. 2: Die Karte der Möglichkeiten der Kreise vier und fünf in Zürich.

Der für diese Karte als Herausgeber zeichnende Verein Transition Zürich sammelt «Möglichkeiten für einen nachhaltigen Lebensstil im Sinne der 2000-Watt-Gesellschaft» (Transition Zürich, Statuten, 2017) und macht diese Möglichkeiten – beispielsweise einschlägige Läden, Treffpunkte oder Dienstleistungen – sichtbar.
Kaschuba schreibt ebenso davon, wie unser Alltagswissen uns durch den urbanen Raum navigiere (Vgl. Kaschuba 2015, 19). Was dies in der Stadt Zürich bedeuten kann, wird klar, wenn Rahel davon berichtet, wie sie sich mit dem Velo durch die Stadt bewegt: «Ich habe das Glück, dass ich zwischen meinem Wohnort [...] und dem Uni-Hauptgebäude fast eine Velostrasse habe, die heisst Scheuchzerstrasse und es hat dort keine Tram und keine Busse und echt nur wenige Autos.» Solche Verbindungswege zu kennen, ist in Zürich sehr nützlich. Vor allem, da die Velo-Infrastruktur sehr zu wünschen übrig lässt. Dabei ist es für Rahel wichtig, überall mit dem Velo hin zu kommen, wie sie bereits am Anfang unseres Gesprächs betont: «[...] es ist für mich alles mit dem Velo zu erreichen, vom See zur Uni bis schliesslich nach Hause nach Oerlikon.» Auch Olivia wäre gerne mehr mit dem Velo unterwegs. Doch sie fahre sehr korrekt und komme daher nur langsam vorwärts. Deswegen sei sie mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Diese sind in Zürich sehr gut ausgebaut. So ergänzt Rahel den Hauptbahnhof auf ihrer Mental Map, als ich sie nach Orten frage, die für ihre bewusst «nachhaltige» Lebensführung wichtig sind. Der Hauptbahnhof stehe für sie stellvertretend für das gute ÖV-Netz in Zürich. Allen drei Frauen ist wichtig, dass sie ohne Auto leben können. Für Dorothe ist dies mit ein Grund in der Stadt und nicht auf dem Land zu leben: «[...] der Wunsch auf dem Land zu leben kommt schon auch auf, aber das ist dann ein bisschen ein Faktor, dass es einfach einfacher ist, ohne Auto in einer Stadt zu leben, oder eben in einem grösseren Ort.» Nach Wünschen für eine «nachhaltigere» Stadt Zürich gefragt, erzählt Dorothe dazu passend vom Traum einer motorverkehrsfreien Stadt, mit vertikalen Gärten und mehr Grün.

Urbane Visionen sind wieder gefragt
Dass solche urbanen Visionen wieder Konjunktur hätten, behauptet zumindest Wolfgang Kaschuba in seinem oben erwähnten Aufsatz. Der Grund für diese gestiegene Nachfrage nach Visionen sieht er im gegenwärtigen Boom vielfältiger städtischer Grasswurzel-Initiativen (Vgl. Kaschuba 2015, 23). Auch in meinen Gesprächen mit Dorothe, Olivia und Rahel waren Zukunftsvisionen für Zürich ein Thema. Wenig überraschend ist für Olivia die Verringerung der Distanzen allgemein ein Wunsch für die Entwicklung von Städten. Auf meine anfängliche Aufforderung, «ihr» Zürich zu zeichnen, zeichnete Olivia nicht das momentane Zürich, sondern eine Zukunftsvorstellung:

«Quartiere in sich, in denen eben versucht wird, den Platz zu nutzen, indem man drum herum baut. Und eben Wohn- Arbeits- und auch Ladenflächen vorhanden sind und in der Mitte ist wie so ein kleiner Park, so Naherholungsgebiet, dass eben alles so wie in einem kleinen Quartierchen beisammen ist aber drumherum sind dann Tram, Strassen und so [...].»

Abb. 3: Olivias Vorstellung von einem zukünftigen Zürich.

Abb. 3: Olivias Vorstellung von einem zukünftigen Zürich.

Bei dieser Art von Stadtgestaltung ginge es darum, alles wieder nahe zueinander zu bringen. Damit argumentiert Olivia analog zu zeitgenössischen städteplanerischen Debatten. Diese streichen heraus, dass durch die Nähe zueinander und die gemeinsam genutzte Infrastruktur soziale Netzwerke entstehen können, welche sich, wie im Zusammenhang mit Kompost beschrieben, positiv auf die Organisation des Zusammenlebens auswirken können. (Vgl. Neustart Schweiz, Nachbarschaften) Olivia, Dorothe und Rahel zeichneten zu Beginn unserer Gespräche jeweils «ihr» Zürich. Dabei entstanden vier verschiedene Zeichnungen der gleichen Stadt, wobei eine Olivias Zukunftsvision zeigt. Diese Skizzen sowie die geschilderten Erfahrungen und Gedanken meiner Gesprächspartnerinnen zeigen auf, dass es weder das eine Zürich, noch das eine «nachhaltige» Zürich gibt. Zürich bietet viele Möglichkeiten, welche eine bewusst «nachhaltige» Lebensführung ermöglichen können. Die Nutzung dieser Möglichkeiten wird allerdings durch verschiedene Aspekte beeinflusst.

Anmerkungen

Anm. 1: Die Namen meiner drei Gesprächspartnerinnen wurden zur Anonymisierung geändert.

Anm. 2:  Die Karte kann unter http://www.transition-zuerich.ch/quartierkarte-kreis-4-5/ heruntergeladen werden.

Literaturverzeichnis

Fenske, Michaela: Historisches Wissen als Ressource. Wie das urbane Kreativmilieu mit Vergangenheit Zukunft (selbst-)macht. In: Nikola Langreiter und Klara Löffler (Hg.): Selber machen. Diskurse und Praktiken des »Do it yourself«. Bielefeld: transcript Verlag 2017, 221-243.

Grewe, Maria: Reparieren als nachhaltige Praxis im Umgang mit begrenzten Ressourcen? Kulturwissenschaftliche Notizen zum »Repair Café«. In: Markus Tauschek und Maria Grewe (Hg.): Knappheit, Mangel, Überfluss. Kulturwissenschaftliche Positionen zum Umgang mit begrenzten Ressourcen. Frankfurt am Main: Campus Verlag GmbH 2015, 267-289.

Hörz, Peter F. N.: Agrarlust in der Stadt. Praxen und Selbstdeutungen im Kontext von Urban Farming. In: Nikola Langreiter und Klara Löffler (Hg.): Selber machen. Diskurse und Praktiken des »Do it yourself«. Bielefeld: transcript Verlag 2017, 198-219.

Kaschuba, Wolfgang: Vom Wissen der Städte. Urbane Räume als Labore der Zivilgesellschaft. In: Berliner Blätter, Heft 69 (2015), 13-29.

Nachbarschaften, Neustart Schweiz, https://neustartschweiz.ch/idee/ [Abgerufen: 26.11.2018].

Neckel, Sighard: Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Soziologische Perspektiven. In: Neckel, Sighard et al. (Hg.): Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Umrisse eines Forschungsprogramms. Bielefeld: transcript Verlag 2018a, 11-23.

Neckel, Sighard: Ökologische Distinktion. Soziale Grenzziehung in Zeichen von Nachhaltigkeit. In: Neckel, Sighard et al. (Hg.): Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Umrisse eines Forschungsprogramms. Bielefeld: transcript Verlag 2018b, 59-76.

Rauterberg, Hanno: Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne. (Edition Suhrkamp 2674) Berlin: Suhrkamp Verlag, 2013.

Statuten, Transition Zürich, http://www.transition-zuerich.ch/statuten-2/ [Abgerufen: 25.11.2018].

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Mental Map von Rahel, Zürich, 09.08.2018.

Abb.2: Fotografie von Vera Tramer, Zürich, 26.11.2018.

Abb. 3: Mental Map von Olivia, Zürich, 13.08.2018.