Urbane Kulturen der Nachhaltigkeit
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Acker am Stadtrand: Solidarische Landwirtschaft in Zürich

Gemeinschafts-Acker am Stadtrand:
Der Pflanzplatz Dunkelhölzli – solidarische Landwirtschaft in Zürich

von Patricia Noleto (unter redaktioneller Mithilfe von Boris Dietschi)

Ich blicke vom Waldrand über Zürich. Die kleinste Metropole der Welt, eine der reichsten und teuersten Städte auf diesem Planeten. Fast drei solcher Planeten wären nötig, würden alle Menschen wie die Schweizer/innen leben. Eine grüne Stadt mit sauberen Gewässern und Naherholungsgebieten, die – zumindest, wenn man einschlägigen Rankings Glauben schenken möchte – auch in globalen Kontexten als Basis für Lebensqualität wahrgenommen werden. Grün und sauber – auch dank der privilegierten Position. Die «Kosten» des lokalen Wohlstands können von mitteleuropäischen Gesellschaften weitgehend «externalisiert» werden und die Schattenseiten finden anderswo ihren Niederschlag. Kann das so weitergehen? Was ist zu tun? Diese Fragen stellt man sich auch in Zürich-Altstetten, so scheint es mir. Ich stehe vor einem kleinen Acker am Stadtrand, es bläht sich ein bedrucktes Banner im Wind: «Ein Gemüseabo beim Pflanzplatz Dunkelhölzli, jetzt anmelden für die aktuelle Saison» – ist dies eine Antwort?

Abb. 1: Banner des Pflanzplatzes Dunkelhölzli.

Abb. 1: Banner des Pflanzplatzes Dunkelhölzli.

Die sogenannte «solidarische Landwirtschaft» ist eines von unzähligen Phänomenen, die als urbane Kulturen der Nachhaltigkeit subsummiert werden können. Als Form der landwirtschaftlichen Arbeit widmet sie sich dem Anbau von Lebensmitteln unter spezifischen Arbeits- und Produktionsbedingungen. Zum Teil unterscheidet sie sich in ihrem Grössenmassstab und hinsichtlich ihrer Professionalität stark von anderen Praktiken des Outdoor- und DIY-Aktivismus wie beispielsweise dem Urban Gardening. Gleichzeitig steht sie klar in einem stadtkulturell geprägten Gefüge von Werten und Praktiken, die auch in Repair-Cafés, Bio-Läden und gewissen «grünen» Start-ups gepflegt werden. Was diese Initiativen zu verbinden scheint, formuliert Urban Gardening-Aktivistin und ‑Forscherin Christa Müller (2012, 25) mit dem Motto: «Sie fangen schon mal an».
Womit genau die Bewegung der solidarischen Landwirtschaft schon in den 1970er-Jahren begonnen hat, soll im Folgenden mit Bezug auf die Arbeit von Bettina Dyttrich (2015) nachgezeichnet werden. Anschliessend skizziere ich eine Auswahl an Forschungspositionen, die ich im Porträt des Beispiels Pflanzplatz Dunkelhölzli in Zürich nutzbar machen möchte, um das Projekt nicht nur historisch, sondern auch theoretisch zu verorten.

Historischer Teil
Was gibt es sozialeres als Essen? Das fragt sich der Rotpunkt Verlag im Begleittext zum Buch «Gemeinsam auf dem Acker» (2015), verfasst von der Schweizer Autorin und Journalistin Bettina Dyttrich. Sie beschreibt die solidarische Landwirtschaft als zeitgenössische politische Bewegung sowie deren Geschichte in der Schweiz und ihren Nachbarländern. Ihre Anfänge sollen im Folgenden beleuchtet werden.
Das Phänomen hat verschiedene Namen, die alle das Gleiche meinen: In der Schweiz spricht man von «regionaler Vertragslandwirtschaft» (frz. Agriculture contractuelle de proximité, ACP), in Deutschland von «solidarischer Landwirtschaft», ein Begriff, den ich hier stellvertretend verwende. Der international gängige Ausdruck ist CSA (Community Supported Agriculture).
Die Grundidee ist die direkte Kooperation zwischen Konsument/innen und Landwirt/innen und kann, je nach Projekt, von der Planung des Anbaus bis zur Sicherstellung der Finanzierung, von der Bestellung des Ackers bis zur Logistik der Lebensmittelverteilung und allen anderen anfallenden Aufgabenbereichen reichen. Üblicherweise verpflichten sich die Mitglieder vertraglich, einen bestimmten Teil der Ernte ohne Zwischenhandel direkt abzunehmen. Ihre saisonalen Beitragszahlungen dienen der Absicherung gegen Ernteausfälle oder Ertrags- und Preisschwankungen, und finanzieren die Arbeit auf dem Hof. Zum Teil beinhaltet die Kooperation auch die Mitarbeit auf dem Feld.
Der erste Gemeinschaftsgarten der Schweiz wurde 1978 als Genossenschaft unter dem Namen Les Jardins de Cocagne in Genf gegründet. Davon inspiriert entstanden in den 1980er-Jahren in Basel, Jura und Zürich ähnliche Projekte. Unabhängig davon entstand in Japan, das sich seit den 1960er-Jahren in einem wirtschaftlichen Aufschwung befand, eine Bewegung, die gegen die Umwelt- und Gesundheitsbelastungen der wachsenden Industrie protestierte und unter anderem zur Gründung des Japanischen Biolandwirtschaftsverbands führte. Das dort vorgeschlagene Modell der direkten Zusammenarbeit von Konsumenten und Produzenten heisst Teikei. Andere internationale Einflüsse haben auch später eine Rolle gespielt, so nennt der Gründer der Jardins de Cocagne, Reto Cadotsch, die Bewegung La Via Campesina, ein aktivistisches Netzwerk von Kleinbauern, Landarbeitern, Landlosen und indigenen Gruppen, das sich Mitte der 1990er-Jahre für das Konzept der Ernährungssouveränität stark machte, als wichtige Inspiration – die Genfer Genossenschaft verstand sich damals wie heute in einem globalen politischen Zusammenhang.
Sowohl im ersten CSA-Projekt in Deutschland Ende der 1980er-Jahre, als auch in Frankreich anfangs der 2000er-Jahre, hatten die jeweiligen Gründer/innen ihre ersten Erfahrungen mit dem Konzept in den USA gemacht und von dort nach Europa zurückgetragen. Solche interkontinentalen Wechselwirkungen hatten ihren Einfluss auf die Anfänge dieser Landwirtschaftsform, aber auch auf ihre spätere Verbreitungswelle nach der Jahrtausendwende (Dyttrich 2015, 26-28).
Während die solidarische Landwirtschaft vorwiegend den Anbau von Lebensmitteln zum Ziel hat, gründet die Entwicklung solcher Projekte in Deutschland zum Teil auf einem politischen Anspruch, der sich stärker mit sozialen Fragen auseinandersetzt. So positionieren sich diese Projekte tendenziell im aktivistischen Spektrum der «urban commons», während sich gewisse Akteur/innen der CSA-Höfe stärker in einem pragmatischen Nachhaltigkeitsdiskurs verorten. Diese Positionen ergänzen sich jedoch eher, als dass sie einander entgegenstehen würden.

CSA-Organisationsformen
Die Autorin Bettina Dyttrich beschreibt zwei organisatorische Hauptformen, die solche Initiativen meist annehmen. Eine erste Möglichkeit besteht darin, sich als Konsumenten mit einem Hof zusammen zu tun und ihm einen Teil oder alle Erzeugnisse abzunehmen. Die solidarische Zusammenarbeit kann in verschiedenem Masse ausgebaut werden, bis hin zu einem «vollständigen» CSA-Hof, wie der Markushof bei Heidelberg (D) von Solawi Rhein-Neckar. Dort setzten sich die Beteiligten zum Ziel, den gesamten Hof zu finanzieren – inklusive Investitionen, Abschreibungen und der Altersvorsorge der dort Arbeitenden – und ihm möglichst alle Produkte abzunehmen. Für die Realisierung dieser Option spielt die Grösse eines Hofs eine bedeutende Rolle. Ein Hektar Land versorgt ungefähr vier Menschen, der Markushof verfügt über 45 Hektare. In der Schweiz liegt der Durchschnitt bei unter 20 Hektaren pro Hof. Der Arbeitsaufwand, die Finanzierung und die nötige Anzahl Mitglieder sind entsprechend sorgfältig zu planen. Nicht zu unterschätzen, so betont Dyttrich, seien auch die komplexen rechtlichen Anforderungen, deren Kenntnis für die Organisationen unerlässlich sei.
Meist als Verein organisiert, arbeiten die Initiativen mit einem oder mehreren Landwirtschaftsbetrieben zusammen, die die Lebensmittel für die Mitglieder produzieren. Das Ziel, nicht mehr für einzelne Produkte zu bezahlen, sondern einen ganzen Betrieb zu tragen, gestaltet sich jedoch schwierig, wenn mehrere Höfe nur mit einem kleinen Teil ihrer Erzeugnisse an einem CSA-Projekt beteiligt sind. Die Partizipation an der Arbeit beschränkt sich in diesen Projekten meist auf Administratives und die Abwicklung der Logistik, da die (unprofessionelle) Mitarbeit der Vereinsmitglieder auf dem Acker zu aufwendig wäre.
Mehr direkte Überschneidung zwischen den Konsumierenden und den Produzierenden herrscht bei der zweiten möglichen organisatorischen Form. Organisiert als Genossenschaft oder Verein mit eigener Produktion, suchen diese Gruppen selbst Land und bauen einen eigenen Hof auf. Auch hier arbeiten bezahlte Fachkräfte und eine Kerngruppe, die unentgeltliche Mitarbeit der Mitglieder auf dem Feld, bei der Ernte und der Logistik macht aber einen zentralen Anteil aus.
Das langfristige Engagement der Konsument/innen ist in beiden Formen entscheidend. Sie verpflichten sich für mindestens eine Saison, von den betreffenden Quellen Lebensmittel zu beziehen. Dies ermöglicht eine Planung des Anbaus. Finanziell schlägt sich das in der Vorauszahlung der Mitglieder nieder, welche am Anfang der Saison oder eines Quartals geleistet wird. Dies sichert das Gehalt der Produzierenden, hilft aber auch bei Problemen mit dem Wetter oder Schädlingen (Dyttrich 2015, 20-22). Üblich sind in solchen CSA-Projekten die Gemüseabos, die meist wöchentlich verteilt oder von den Genossenschafter/innen selbst abgeholt werden: Säcke mit frischem Gemüse oder anderen Lebensmitteln – je nach Wetter und Saison unterschiedlich gut gefüllt.
Nebst den expliziten ökologischen Richtlinien, gemäss denen produziert wird, werden meist auch in anderen Bereichen Verbesserungen angestrebt. Beispielsweise sind die Arbeitsbedingungen der landwirtschaftlich Angestellten in der Schweiz nicht dem Arbeitsgesetz unterstellt. So arbeiten viele Angestellte, speziell die Saisonniers aus dem Ausland, ohne gewerkschaftlichen Schutz und zum Teil wegen fehlender Aufenthaltsbewilligung sogar ohne jegliche rechtliche Absicherung. Die Gruppe der «ausserfamiliären» landwirtschaftlich Angestellten macht über die Hälfte der agrarischen Arbeitskraft aus. In vielen Kantonen der Schweiz herrscht gesetzlich eine Wochenarbeitszeit von bis zu 55 Stunden bei einem Mindestlohn von 3200 Franken (Dyttrich 2015, 19). Die Kooperation zwischen Abnehmenden und Produzierenden entlastet vom Lohndruck und die kollektive Mitarbeit kann die Arbeitslast etwas verringern. Auch der Preisdruck auf die Lebensmittel kann gesenkt werden, wenn die Finanzierung des Hofes gewährleistet ist. Im Zürcher Projekt Dunkelhölzli wurde ausserdem ein durch staatliche Förderung ermöglichter integrativer Arbeitsplatz geschaffen. Dies ergänzt das Porträt der Ansprüche an die eigenen Arbeitsbedingungen in diesem CSA-Projekt mit einem weiteren sozialen Gedanken.
Unter diesen Umständen hat das Engagement der Beteiligten nicht nur einen konkreten Effekt auf die Arbeitsrealität und die Produktionsbedingungen, sondern nährt wiederum die Identifikation mit den Projekten selbst. Die Beweggründe, sich zu beteiligen, sind aber viele. Sie werden im Folgenden aus theoretischer Warte skizziert. Ich beschränke mich hier auf einige deutschsprachige Forschungsarbeiten der letzten Jahre.

Theoretische Zugänge zum Stadtacker
Die kulturwissenschaftliche Erforschung von urbanen Kulturen der Nachhaltigkeit, der «grünen Urbanität» oder der Commons zählt vielleicht so viele Zugänge, wie das Phänomen Namen trägt. Die Bürgerinitiativen, Do it yourself (DIY)-Projekte, Gemeinschaftsgärten, Läden und Start-ups, die vorwiegend seit der Jahrtausendwende in den grösseren europäischen Städten unter diesem Dachbegriff aufgetaucht sind, werden auf verschiedene Aspekte hin untersucht und international diskutiert. Der Volkskundler Peter F. N. Hörz (2017) schreibt:

«Aus den gängigen Diskursen über die mangelhafte Qualität der Nahrungsmittel und die Knappheit der Ressourcen, über Klimawandel und Tierschutz – aus den Einsichten in diese ‹Wirklichkeiten› und aus einem mehr oder weniger klar benennbaren Gefühl der ‹Entfremdung› ziehen die beforschten Akteurinnen und Akteure ihre praktischen Konsequenzen, indem sie Wege ins agrarische DIY beschreiten.» (Hörz 2017, 219)

Hörz attestiert diesen Akteur/innen eine «‹mit aufgekrempelten Ärmeln› selbst in die Hand genommene Form der Krisenbewältigung» (Hörz 2017, 219). Laut ihm resultiert dieser Hands-on-Activism aus der Vorstellung, «dass die Politik (alleine) die als Krise verstandenen Verhältnisse nicht ändern werde» und kann so als «Seismograf eines Gestaltungswillens [verstanden werden], der im Agrarischen manifest wird» (Hörz 2017, 205, 219). Die Wissensformen in diesen Praxishandlungen stammen eher aus dem Learning by doing und dem Alltagswissen als aus Lehrbüchern. Hörz weist aber auch darauf hin, dass von einem seiner Interviewpartner ein Fachbuch erwähnt wird, das aus dem Grossbritannien der Nachkriegszeit stammt, und verweist damit auf die Wurzeln des städtischen Gemüseanbaus im zweiten Weltkrieg (Hörz 2017, 208).
Während sich bei Hörz die Akteur/innen in ihrer Selbsteinschätzung in einem Spektrum zwischen «Marx und Gandhi» auf der einen Seite, und einem pragmatischem Skeptizismus gegenüber sogenannten «Weltverbesserern» andererseits bewegen, beleuchtet der Soziologe Sighard Neckel (2018) die ökologisch orientierten Alltagspraktiken aus der Warte der sozialen Ungleichheit:

«Als Schichtindikatoren für die Art der alltäglichen Lebensführung haben sich auch Bevölkerungsdaten zur Ernährungsweise bewährt, wobei eine vegetarische oder vegane Ernährung recht verlässlich die Zugehörigkeit zu einem ökologisch gestimmten Mittelschichtenmilieu anzeigt. Einer Studie des Robert Koch-Instituts aus dem Jahr 2016 zufolge steigt mit zunehmendem Bildungsstand auch der Anteil der überwiegend vegetarisch lebenden Personen […]. [Hinzu kommen] liberale und kulturell progressiv eingestellte Kreise aus den höheren Einkommensgruppen mit oftmals akademischem Hintergrund. Bei ihnen verbindet sich die hohe Bewertung von Umweltproblemen mit einem globalen Lebensgefühl.» (Neckel 2018, 61-62)

Die Formen der Lebensführung bringen nicht nur Präferenzen zum Vorschein, die spezifisch für gewisse Milieus sind, sondern Neckel unterstreicht, dass mit den sogenannt ökologischen Lebensstilen eine soziale Differenzierung entlang dreier gesellschaftlich relevanter Grenzen geschaffen werde. Er schliesst:

«Es ist das Besondere an der ökologischen Distinktion, dass sie alle drei Muster von Grenzziehung in sich einzuschliessen vermag. Als kulturelle Grenze repräsentiert sie ein exklusives Wissen über die Bedeutung von Nachhaltigkeit; als sozialökonomische Grenze die materielle Überlegenheit von Sozialschichten, die sich Bio-Konsum und Öko-Nischen leisten können. Als moralische Grenze symbolisiert sie den ethischen Wert einer Lebensführung, die sich als vorbildlich versteht und unverantwortliches Handeln in strenger Weise missbilligt. In dieser Triade gewinnt ökologische Distinktion eine Macht der Unterscheidung, wie sie in der modernen Gesellschaft wohl nur wenige Formen von Lebensführung aufweisen können.» (Neckel 2018, 72)

Weniger scharf wird die beforschte Bewegung bei der Geografin Marit Rosol (2017) seziert. Sie hat die Genossenschaft ortoloco aus Zürich untersucht, eine mit dem Pflanzplatz Dunkelhölzli verwandte Organisation. Auch sie setzt ein Fragezeichen hinter die ökonomischen Zwänge des Projekts und zeigt auf, dass die Organisationsform der Schweizer Genossenschaften ursprünglich eine Reaktion auf die Armut und Arbeitslosigkeit in den frühen Zeiten des industriellen Kapitalismus darstellte. Das Beispiel ortoloco hingegen sei eindeutig nicht aufgrund von Geldproblemen gegründet worden und finanzielle Aspekte spielten bei der Mitgliedschaft in der Genossenschaft nur eine Nebenrolle (Rosol 2017, 720). Die Genossenschafter/innen hätten Überlegungen angestellt, bei den Mitgliederbeiträgen die individuelle Einkommenssituation zu berücksichtigen, aber zum Zeitpunkt, als Rosol ihren Artikel geschrieben hatte, sei diese Massnahme noch nicht umgesetzt worden. Solche Projekte förderten aber eine Form des «guten Lebens», das über den Konsum von (relativ teuren) Gemüseabos hinausgehe. Es werde Arbeit mit Freizeit verbunden und ein postmaterielles Wohlstandsmodell angestrebt (Rosol 2017, 721).
Rosol schliesst sich damit an die Publizistin und Urban Gardening-Propagandistin Christa Müller an, die in den «Laboratorien urbaner Landwirtschaft» (Müller 2012, 31) ebenfalls soziale Praxen erkennt, die einer «politischen Bewegung» zugerechnet werden müssten, die es aber «noch zu entziffern» gelte. Dabei geschehe in «Diskurs und Praxis» (Müller 2012, 43) ein Wissensaustausch zwischen den Generationen und Kulturen, während die Stadt als partizipativer Ort der ressourcenschonenden Subsistenz verstanden werde. Gleichzeit anerkennt Müller aber auch die Problematik der Verwicklung in Gentrifizierungsprozesse, mit denen sich Projekte auf städtischen Spekulationsflächen konfrontiert sehen. Sie unterstellt den Projekten nicht, dass sie den Kapitalwert der Nachbarschaften erhöhen wollten, sondern dass sie «positiv in das Viertel hineinwirken wollen». Aber das «Perfide» an diesen Prozessen sei unter anderem, dass sie sich «gegenläufig zu den Intentionen der zivilgesellschaftlichen Akteure abspielen. Dies tritt allerdings nur dann ein, wenn die Stadt die Kapitalisierungsprozesse nicht steuert. Oder sie gar fördert» (Müller 2012, 49-50).
Auch die Volkskundlerin Michaela Fenske (2017) benennt die inhärenten Widersprüche solcher Initiativen. Sie verweist auf die Ökonomisierung des Selbst im neoliberalen Verwertungszusammenhang, verteidigt aber dennoch die Potenziale der untersuchten Bewegungen. Sie beschreibt die Lern- und Wissenskulturen des DIY als «Apprenticeship-Lernen», das in solchen «Communities of Practice» stattfinde, als Ressource und als Erfahrung einer Selbstwirksamkeit, welche «als Mittel der Rückeroberung politischer Teilhabe in repräsentativen Demokratien gelesen werden kann» (Fenske 2017, 230-231).

Abb. 2: Impressionen vom Pflanzplatz Dunkelhölzli.

Abb. 2: Impressionen vom Pflanzplatz Dunkelhölzli.

Beispiel Pflanzplatz Dunkelhölzli
Die Anbaugemeinschaft Pflanzplatz Dunkelhölzli wurde 2010 vom Verein Stadtrandacker gegründet und bewirtschaftet an der Stadtgrenze oberhalb von Zürich-Altstetten 1,2 Hektare Land, das von der Stadt verpachtet wird. Hinzu kommen weitere Pflanzplätze in Schlieren und im Herrenbergli. Der Verein hat über 200 Mitglieder und es werden mehr als 50 verschiedene Sorten Gemüse angebaut. Die Mitglieder erwerben ein Gemüseabonnement, welches sie wöchentlich mit Lebensmitteln «aus Stadtboden» versorgt. Die Preise pro Jahr schwanken je nach Format zwischen dem kleinen zweiwöchentlichen Abo für 350 Franken bis zum grossen Abo für 1390 Franken, das einem fünf‑ bis sechsköpfigen Haushalt durchschnittlich 5 Kg Gemüse pro Sack und Woche bereitstellt. Der Sack kann selbst an einem der 20 über das Stadtgebiet verteilten Depots abgeholt werden oder gegen eine Pauschale per Fahrradkurier nach Hause bestellt werden. Die Abonnent/innen verpflichten sich, zusätzlich zu den jährlichen Abonnementskosten, zur Mitarbeit auf dem Feld an mindestens zwei Tagen. Diese Arbeitseinsätze beinhalten Jät‑, Ernte‑ und Pflanzarbeiten, aber auch das Bekochen der auf dem Feld Arbeitenden. Die im Betriebskonzept des Pflanzplatzes explizit benannten Ziele des Vereins lauten: «Abwechslung im Teller und Vielfalt auf dem Acker vor der Stadt schaffen, frisches Gemüse liefern, das nach menschen‑, tier‑ und umweltverantwortlichen Kriterien in der Nachbarschaft angebaut wird, gärtnerische Tätigkeit ermöglichen, Raum im Grünen schaffen und vieles mehr…» (Pflanzplatz Dunkelhölzli: Betriebskonzept). Der Trägerverein Stadtrandacker hat sich entsprechende Statuten gegeben und «fördert die Wertschätzung der lokalen Lebensmittelproduktion. Zu diesem Zweck setzt er sich für Anbau‑ und Absatzformen ein, die den Verbraucher am Produktionsprozess teilhaben lassen und faire Erzeugerpreise zusichern. Der Verein ist den Grundsätzen einer biologischen und sozial gerechten Wirtschaftsweise verpflichtet» (Stadtrandacker: Statuten).
Obwohl der Pflanzplatz im Gegensatz zu einem Urban Gardening-Projekt intensiver auf die Produktion von Lebensmitteln ausgelegt ist, kommen auch nicht-materielle Werte und Güter bereits im Selbstverständnis des Vereins zur Sprache. So erzählt mir Tinu Balmer, ein leitendes Mitglied der Anbaugemeinschaft, im persönlichen Interview am 17.07.2018 von der Motivation der Mitglieder, «den Kindern zu zeigen, woher das Gemüse kommt, und sich in der freien Natur zu bewegen. Und es macht sichtlich Spass, sein eigenes Gemüse anzubauen. Das hat alles auch mit Nachhaltigkeit zu tun.» Hier treffen also ganz vorsätzlich im selbst geschaffenen «Raum im Grünen» Wissenskulturen auf den Genuss von Lebensqualität.
Die Ansprüche an die Ernährung und die Bildungsorientierung der Mitglieder lassen bereits vermuten, dass die gewählten kooperativen Praktiken nicht auf Zwängen der finanziellen Prekarität beruhen. In Zürich ist vielmehr der Boden für landwirtschaftliche Produktion knapp, und so beschreibt Tinu Balmer andere Motive für die Teilnahme: «Viele überlegen sich wahrscheinlich, dass sie bewusst keinen eigenen Schrebergarten, sondern etwas gemeinsam anbauen wollen; einerseits, um andere Leute zu treffen, mit denen man sich austauschen, zusammen kochen und essen kann; anderseits, weil es weniger Landressourcen gibt als früher. Sicher kein Grund hingegen ist, dass [die Produktionsweise] günstig ist.» Den Ungleichheiten bezüglich Lohnsituation wird organisatorisch insofern Rechnung getragen, als dass die Abogebühren von den Mitgliedern auch in Raten beglichen werden können.
Im Interview mit Tinu kommt ein pragmatischer Zugang zum Diskurs über die vielgestaltigen «Krisen» der gegenwärtigen Gesellschaft zum Vorschein. Auf die Frage hin, ob sich das Projekt beziehungsweise die Mitglieder in einem grösseren Zusammenhang einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Transformation verorten würden, entgegnet er:

«Ich sehe mich nicht als Aktivisten, eher als Macher. Theoretisch sind wir schon Aktivisten. Mir ist wichtig, was wir hier machen, und dass wir es gut machen und natürlich denken wir schon an die Nachhaltigkeit […]. Wir machen hier einen Beitrag zu einer besseren Welt, aber ich glaube, wichtig ist der Glaube an das Projekt, nicht den Ursprung des Gemüses zu zeigen, sondern das Sensibilisieren der Leute mit dem Ziel, dass sie selbst beginnen zu denken.»

In diesem Selbstverständnis eines Hands-on Aktivismus spielt eine gesamthafte Umwälzung der Verhältnisse also eine Nebenrolle.
Eine ganz andere Umwälzung der Verhältnisse ist jedoch klar absehbar, genau hier auf dem Dunkelhölzli-Grundstück: Das Zürcher Stimmvolk hat im Juni 2018 den 10,5 Millionen Franken teuren Baukredit für ein neues Gartenareal auf dem Grundstück gutgeheissen. Es beinhaltet Familiengärten, Gemeinschaftsgärten und eine öffentliche Parklandschaft. Was mit dem Acker der solidarischen Landwirt/innen geschehen wird, ist noch ungewiss.

Abb. 3: Impressionen vom Pflanzplatz Dunkelhölzli.

Abb. 3: Impressionen vom Pflanzplatz Dunkelhölzli.

Mein Blick schweift weg vom Hof, über das Banner im Wind zurück auf die Stadt. Vielleicht habe hier ich eine vorläufige Antwort auf die Frage «Was ist zu tun?» bekommen. Ob das kommende Projekt der Stadt eine längerfristige Antwort bietet, bleibt offen. Für den Pflanzplatz Dunkelhölzli stellt sich bereits eine neue Frage: «Was nun?».

Literaturverzeichnis

Dyttrich, Bettina: Gemeinsam auf dem Acker. Solidarische Landwirtschaft in der Schweiz. Zürich: Rotpunktverlag, 2015.

Fenske, Michaela: Historisches Wissen als Ressource. Wie das urbane Kreativmilieu mit Vergangenheit Zukunft (selbst-)macht. In: Nikola Langreiter und Klara Löffler (Hg.): Selber machen. Diskurse und Praktiken des „Do it yourself“. Bielefeld: trancript, 2017, 221-243.

Hörz, Peter F. N.: Agrarlust in der Stadt. Praxen und Selbstdeutungen im Kontext von Urban Farming. In: Nikola Langreiter und Klara Löffler (Hg.): Selber machen. Diskurse und Praktiken des „Do it yourself“. Bielefeld: trancript, 2017, 197-219.

Müller, Christa: Urban Gardening. Grüne Signaturen neuer urbaner Zivilisationen. In: Dies. (Hg.): Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. München: oekom, 2012, 22-53. 

Neckel, Sighard: (2018), Ökologische Distinktion. Soziale Grenzziehung im Zeichen von Nachhaltigkeit. In: Ders. et al.: Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Umrisse eines Forschungsprogramms. Bielefeld: transcript Verlag, 2018, S.S 59-76.

Pflanzplatz Dunkelhölzli: Betriebskonzept. URL: http://www.dunkelhoelzli.ch/dunkelhoelzli/ (Abgerufen: 4.12.2018).

Rosol, Marit und Paul Schweizer: Ortoloco Zurich – Urban Agriculture as an Economy of Solidarity. In: City – Analysis of urban trends, culture, theory, policy, action, Vol. 16/6, 2012, 713-724.

Schweizerisches Bundesamt für Statistik: Ökologischer Fussabdruck. URL: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/nachhaltige-entwicklung/oekologischer-fussabdruck.html (Abgerufen: 4.12.2018).

Stadt Zürich: Gartenareal Dunkelhölzli. URL: https://www.stadt-zuerich.ch/ted/de/index/gsz/angebote_u_beratung/gartenareal-dunkelhoelzli.html (Abgerufen: 4.12.2018).

Verein Stadtrandacker: Statuten. URL: https://www.stadtrandacker.ch/stadtrandacker/ (Abgerufen: 4.12.2018).

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Fotografie von Patricia Noleto, Zürich, Sommer 2018.

Abb. 2: Fotografie von Patricia Noleto, Zürich, Sommer 2018.

Abb. 3: Fotografie von Patricia Noleto, Zürich, Sommer 2018.