Urbane Kulturen der Nachhaltigkeit
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Teilen und Tauschen: Die neuen Wege gegen Konsum

Teilen und Tauschen:
Die neuen Wege gegen Konsum

von Markéta Záhoríková. 

«Ich hasse Wegwerfen. Egal… Also Essen oder egal was. Ich… hasse das also.»

«Um was geht es eigentlich? Geht es um das Geschäft? Geht es jetzt um Komfortabilität? Geht es darum – um mit Ressourcen mit Respekt umzugehen? Oder eher um die Einstellung: ‹Schmeissen wir jetzt die Kaffeemaschine weg?› Ich habe das dann wie ein Experiment gesehen.»

«Es macht mega deutlich, dass wir im Überfluss… mega im Überfluss leben.»

Zwei Initiativen, drei Befragte und viele Ansichten und Beweggründe. Alle drei meiner eingangs zitierten Interviewpartner/innen sind aktiv in einer Zürcher Sharing-Initiative, die durch Teilen und Tauschen zur Verminderung des Abfalles und Konsumverhaltens beitragen sollte. Durch die alternativen Konsumpraktiken soll das Konsumverhalten der westlichen Gesellschaft in Frage gestellt und langsam verändert werden. PumpiPumpe ist ein Netzwerk, welches die unentgeltliche Ausleihe von Werkzeug und Haushalts‑ und Freizeitutensilien zwischen den Mitmachenden aus ihrer Nachbarschaft ermöglicht. Dies soll den Konsum reduzieren und nebenbei auch die nachbarschaftlichen Bindungen stärken. FoodSharing kämpft durch die Verbindung von Betrieben und Aktivist/innen gegen die Lebensmittelverschwendung, indem letztere in den teilnehmenden Unternehmen unverkaufte Speisen und abgelaufene Lebensmittel abholen und dadurch vor einem Ende im Abfalleimer «retten». Jeder der Befragten hat natürlich eigene Überzeugungen und Gründe, wieso sie oder er mitmacht. Doch gewisse Aspekte werden von allen drei erwähnt – Ökologie, Moral und Selbstwirksamkeit. Im folgenden Text will ich einige Ergebnisse meiner Interviews mit Zürcher Sharing-Aktivist/innen beleuchten.

Sharing-Initiativen in der postkapitalistischen Gesellschaft
FoodSharing und PumpiPumpe sind zwei Sharing-Initiativen, die im deutschsprachigen Raum entstanden sind und die durch ihre Praxis des Teilens und Tauschens zu einem bewussterem Umgang mit Gütern und so zu einem grundsätzlich nachhaltigeren Leben beitragen wollen. Weiter ermöglichen die Sharing-Initiativen durch ihre Praktiken eine engere Vernetzung der anonymen Nachbarschaft im urbanen Kontext.
Pumpipumpe ist ein Schweizer Non-Profit-Verein, der im Jahre 2012 gegründet wurde. Der Sinn und Zweck dieses Vereins sind sowohl die Förderung eines bewussten Umgangs mit Konsumgütern als auch der sozialen Interaktion unter Nachbarn. Es wird davon ausgegangen, dass sich in jedem Haushalt Gegenstände, Geräte, Werkzeuge oder Sportausrüstungen befinden, die nicht so oft gebraucht und daher wechselseitig zwischen Besitzer/innen und temporären Benutzer/innen ausgeliehen werden könnten. Bei diesem Verleihsystem soll es nicht nur darum gehen, Dinge auszuleihen, die man selbst nicht besitzt, sondern auch darum, die Nachbarn und Quartierbewohner kennenzulernen. Auf der Webseite des Vereins gibt es Sticker zu bestellen, die man dann auf den eigenen Briefkasten aufklebt, um zu zeigen, was im jeweiligen Haushalt ausgeliehen werden kann. Heutzutage kann man durch Pumpipumpe Gegenstände auf fast allen Kontinenten ausleihen.

Abb. 1: Briefkasten mit  PumpiPumpe  Sticker.

Abb. 1: Briefkasten mit PumpiPumpe Sticker.

FoodSharing ist eine deutsche Initiative, die im Jahre 2012 entstanden ist und gegen Lebensmittelverschwendung kämpft. Aktuell gibt es bereits über 25’000 Freiwillige, die bei der Organisation und Administration mithelfen und 200’000 registrierte Nutzer in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bei FoodSharing geht es um eine abfallmindernde und unentgeltliche Praxis. Lebensmittel, die man selbst beziehungsweise ein Betrieb nicht mehr aufbrauchen kann, können anderen zur Verfügung gestellt werden. Diese Güter werden dann von der jeweiligen Person abgeholt und dadurch vom Entsorgen gerettet. Es gibt eine Kooperation mit über 3’000 Betrieben, die bis dato rund 15’000 Tonnen Lebensmittel gerettet haben (vgl. FoodSharing).
Das Problem der Lebensmittelverschwendung wird gegenwärtig intensiv thematisiert, da ca. ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen wird. Aus diesem Grund versucht diese Initiative, die breite Öffentlichkeit für dieses Problem zu sensibilisieren. Es geht hauptsächlich darum, die Gesellschaft aufzuklären, ein Umdenken zu fördern und verantwortungsvolles Handeln anzuregen. Nur durch die Aufklärung der Öffentlichkeit kann Wandel stattfinden – dies ist gewissermassen das Credo und der wesentliche Aspekt der beiden untersuchten Initiativen: Es wird darauf abgezielt, gewohnte Verhaltensweisen und etablierte Strukturen der Gesellschaft zu ändern. Die Soziologin Andrea Baier, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit und urbane Subsistenz befasst, umschreibt diese Absicht von FoodSharing und anderen vergleichbaren Initiativen, progressiv eine Transformation der momentanen Zustände in Gang setzen zu wollen, wie folgt: «Ziel ist die Verbreitung der Praxis» (Baier et al. 2013, 184).

Abb. 2: Eine Studenten-WG, die gerade Gerichte von einem Betrieb abgeholt hat.

Abb. 2: Eine Studenten-WG, die gerade Gerichte von einem Betrieb abgeholt hat.

Anders Konsumieren und Wirtschaften
Das Teilen beziehungsweise Tauschen ist in unserer Gesellschaft ein längst etabliertes System (vgl. Goudin 2017, 9). Zuerst begegnet man diesem in der eigenen Familie; man teilt miteinander verschiedensten Gegenstände. In den letzten Jahren sind – vor allem im urbanen Raum – viele Projekte und Initiativen entstanden, die verschiedene Formen des Teilens durch neue Technologien unter fremden Menschen ermöglichen. Es werden Gegenstände ausgeliehen, Wohnungen für ein paar Nächte oder ein Auto für einige Stunden gemietet. Während dieser Grundgedanke für einige Akteure längst zum profitablen (und von etlichen als «Kanibalisierung» der ursprünglichen Intention kritisierten) Geschäftsmodell wurde, verstehen andere Initiativen und Projekte das Teilen oder eben «Sharing» als Reaktion auf die Wachstumsökonomie und als eine Alternative zu herkömmlichen Konsumpraktiken. Sowohl die Unternehmen der sogenannten Sharing-Economy wie die postkapitalistischen Transformationsinitiativen operieren beide mit dem Begriff «Sharing» beziehungsweise Tauschen und Teilen zur Beschreibung ihrer Aktivitäten. Bezüglich der Art und Weise, wie das Teilen in der jeweiligen Initiative abläuft und des vorhandenen (oder eben nicht vorhandenen) Gewinnstrebens unterscheiden sich die Projekte jedoch markant voneinander. Dennoch gibt es gewisse konzeptuelle Grundprinzipien, die allen unterschiedlichen Initiativen gemein sind.
Die Aktivist/innen der zwei vorgestellten Sharing-Initiativen stellen Konsum und das ständige Streben nach Wachstum in Frage und versuchen neue Wege für die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse zu finden und anders zu wirtschaften (vgl. Baier et al. 2016, 44). Die Aktivist/innen werden in der einschlägigen Literatur auch als als «DIYer» beziehungsweise als «DITer» (von «Do it yourself» und «Do it together») bezeichnet, da sie durch das eigene Tun und das gemeinschaftliche Engagement dazu beitragen, die momentanen Konsumpraktiken zu ändern. Wie ein roter Faden verbindet die Praxis des Selbermachens die an verschiedenen Nachhaltigkeitsprojekten beteiligten Aktivist/innen. In allen DIY/DIT-Bewegungen materialisieren sich laut der Kulturanthropologin Maria Grewe «alternative Konsum‑ und Wohlstandsvorstellungen» (Grewe 2015, 277). Die Initiativen bemühen sich, alternativ die  materiellen Bedürfnisse zu befriedigen, da sie überzeugt sind, dass diese Möglichkeiten in der Gesellschaft bestehen. Meine Interviewpartnerin Lucy (vgl. Anm. 1) meinte dazu: «Ich glaube, dass ich… dass wir als Gesellschaft viel viel Verbesserungspotenzial haben». Das Realisieren, dass die Menge unserer Ressourcen beschränkt ist, bringt die Interviewpartner dazu, mit den eigenen Ressourcen bewusster umzugehen. Die Interviewpartnerin Lucy, die gleichzeitig eine der Gründerinnen der Initiative PumpiPumpe ist, fügt hinzu, dass es für sie mit der Zeit zur festen Überzeugung gelangt sei, dass es keinen Sinn mache, Dinge, die nicht täglich gebraucht würden, zu besitzen: «Was ich absolut bestrebe, […] ist ja so viel Sachen wie möglich zu teilen».
Der Begriff «Nutzen statt Besitzen» (vgl. Scholl et al. 2010), der seit dem Anfang der 1990er-Jahre in der Fachliteratur auftaucht (vgl. Scholl et al. 2010, 6), umschreibt der Soziologe Gerd Scholl praktisch gleichlautend wie Lucys oben zitierter Interviewbeleg – dass es nämlich unnötig sei, Sachen zu besitzen, die nur selten bzw. nie verwendet werden. Dagegen könnten diese geteilt werden, wodurch erstens Ressourcen und zweitens das eigene Geld gespart würden. Um jedoch dieses Prinzip in der Gesellschaft völlig durchsetzen zu können, ist es wesentlich, das Verhältnis zu Dingen zu transformieren. Die bereits erwähnte Andrea Baier sieht den Schlüssel dazu in einer neuartigen «sättigende[n] Beziehung zu Dingen», die zu erproben und zu praktizieren sei (vgl. Baier et al. 2016, 45). Baier plädiert für eine klarere Unterscheidung zwischen Dingen, die für jede Person lebensnotwendig sind, und denen, die «nur» als bürgerliches Statussymbol fungieren (z.B. ein Auto) (vgl. Baier et al. 2016, 45). Wenn die Vorstellung, durch Besitz einen Status in der Gesellschaft zu behaupten, überwunden werde, könne die Praxis des Teilens und Tauschens einfacher durchgesetzt werden.
Bei den Beziehungen zu den Dingen werden jedoch nicht nur gesellschaftliche Symbole verhandelt. Wohl jeder einzelne Mensch pflegt ein spezielles Verhältnis zu gewissen Sachen; es kann beispielsweise ein emotionaler oder ein nostalgischer Bezug sein. Meine Interviewpartnerin Lucy meinte zu diesem Thema: «Es ist jetzt vielleicht so ein Beispiel (zeigt auf einen Wasserkrug). Ja das habe ich vielleicht irgendwo aus speziellen Gründen ausgesucht und das ist mir nachher vielleicht wertvoll». Jede Person besitzt also Dinge, die sie niemandem ausleihen würde, es kann jedoch gleichermassen davon ausgegangen werden, dass jede Person in der westlichen Gesellschaft Dinge besitzt, die sie nur sehr selten braucht. Darum könnten diese an andere Menschen ausgeliehen werden.
Das Teilen verläuft in der Praxis dann zwischen zwei sogenannten ‹Peers›, dies sind zwei Menschen, die ähnliche Überzeugungen haben und bereit sind, ihre eigenen Dinge auszuleihen; sie sind gleichzeitig Teil derselben ‹Nachhaltigkeitscommunity›. Die horizontale Struktur, wie sie sich beispielsweise das Projekt PumpiPumpe zugrunde gelegt hat, sollte Menschen mit ähnlichen Einstellungen und Werten den Prozess des Ausleihens beziehungsweise Tauschens vereinfachen, da sie dasselbe Ziel verfolgten und in vergleichbarer Weise mögliche Probleme bedenken würden: «Richtige Gewährleistung gibt es jetzt nicht.[…] Es [ist] ein mega grosszügiges Angebot […], dass man gratis Sachen ausleihen kann und man sollte damit respektvoll umgehen», brachte dies meine Interviewpartnerin Lucy auf den Punkt. Gerade Respekt wird beispielsweise im gegenwärtigen Umgang mit Nahrungsmitteln nicht gewährleistet. Dies wird auch von Stephan, einem der Interviewpartner, betont: «Also ein Drittel oder die Hälfte wird weggeworfen direkt im Supermarkt oder so zu Hause oder so. Und das ist irgendwie… nicht gut. Das ist allen klar». Die Aussage Stephans ist moralisch stark aufgeladen, er ist sich sicher, dass die meisten Menschen genauso wie er die Überzeugung haben, dass mit Lebensmitteln bewusst umgegangen werden sollte. Wäre dies immer der Fall, wäre die Initiative FoodSharing nicht nötig. Diese hier aufscheinende moralische Ebene wird auch in der Fachliteratur zur Kultur der Nachhaltigkeit thematisiert. Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba beobachtet bei einschlägigen urban-zivilgesellschaftlichen Bewegungen die Praxis einer «strategische[n] Moralisierung» (Kaschuba 2015, 21). Diese habe zur Folge, dass selbst überschaubare Gesten – beispielsweise der private Umgang mit abgelaufenen Nahrungsmitteln – neuerdings in einen grösseren ideologischen Zusammenhang gestellt und die «einzelne Entscheidung damit symbolisch überhöht und (…) zur Grundsatzfrage erklärt« würde (Kaschuba 2015, 21). In vergleichbarer Weise beschreibt beispielsweise auch die Kulturanthropologin Maria Grewe Nachhaltigkeitspraktiken als «normatives Deutungsmuster», welches «das ‹gute› oder ‹richtige› Handeln [codiert] und (…) damit auch ethische Haltungen [markiert]» (Grewe 2015, 278).

Jenseits der Konsumkritik

«Also ich konsumiere jeden Tag… […] Und ich finde es prinzipiell auch nicht was Schlechtes.»

Der Begriff ‹Konsum› kommt vom lateinischen «consumere» und kann als verbrauchen, verzehren oder aufbrauchen übersetzt werden (vgl. Frag Ceasar). Laut Wolfgang König zeichnet sich Konsum in der Gesellschaft durch «Verwendung, Nutzung und dem Gebrauch von Gütern und Dienstleistungen» aus (König 2008, 14). Die Konsumtion ist mit der Produktion untrennbar verknüpft und das eine würde ohne das andere keinen Sinn ergeben. Doch sobald die Konsumtion eine gewisse Grenze überschreitet und zu massiv wird, bringt diese zahlreiche Probleme mit sich. Trotzdem ist der Massenkonsum zu einem Verhaltensmuster des westlichen Lebensstils geworden, wodurch es zu einem enormen Geld‑ und Ressourcenverbrauch und zu einer hohen Abfallmenge kommt. Die Geschichte des Konsums in jener Form, wie er heute unsere Wirtschaft und unseren Alltag prägt, geht in das 18. Jahrhundert zurück, in dem sich die Oberschicht verschiedene materielle Güter aus purer Lust kaufte. Im Zuge der Urbanisierung und Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert wurde der Bedarf nach Gütern in allen Schichten der Bevölkerung zunehmend grösser. Die Ära des Massenkonsums begann mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, da in verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens die Nachfrage nach Gütern immer weiter anstieg und die Preise mit der Massenproduktion sanken. Parallel zu dieser Entwicklung waren (und sind) der Massenkonsum und die Kritik an ihm ein präsentes Thema, das sowohl von der breiten Öffentlichkeit als auch in intellektuellen Debatten diskutiert wird. Der Ethnologe Hans Peter Hahn erwähnt in diesem Zusammenhang die Maxime «Use less things» (Hahn 2005, 67) die sich durch die jüngere Geschichte hindurchzieht und eine Aufforderung darstellt, anders und bewusster mit Dingen umzugehen. Es geht nicht um einen völligen Verzicht auf Dinge, sondern um einen sorgfältigen Umgang, den Verzicht auf unnötige Sachen und allgemein um eine andere Einstellung zu den Dingen. Die Interviewpartnerin Lucy äusserte sich ganz in diesem Sinne zu dem Besitz vieler Dinge: «Also von mir aus gesehen braucht man das alles nicht.» Ausgehend von dieser Grundüberzeugung leiten die Publizistin Andrea Baier und ihre Mitautor/innen das Gebot ab, ein kollaboratives Verhältnis zu Dingen zu gewinnen (vgl. Baier et al. 2016, 45 ). Die Gegenstände, die nur selten gebraucht würden, müsse man nicht unbedingt besitzen, und Dinge, die man bereits besitze, jedoch nicht so häufig brauche, könnten anderen zur Verfügung gestellt werden. Dinge sollten als Besitz des Kollektivs verstanden werden. Gerade das Potenzial des urbanen Raumes unterstütz die praktische Umsetzung einer solchen Einstellung, nämlich durch die schiere Menge von Dingen auf kleinstem Raum. Meine Interviewpartnerin Lucy äusserte sich dazu folgendermassen: «Wie viele Mixer gibt es auf einem Quadratmeter Stadtfläche…? […] Es ist unglaublich. Ein Quartier zu nehmen, einfach recherchieren, wie viele von welchem Gegenstand es gibt.» Es ist offensichtlich, dass im urbanen Raum alle Güter, die eine Einzelperson im Alltag brauchen könnte, eigentlich bereits vorhanden sind. Nun werden durch die Nachhaltigkeitsinitiativen und ‑projekte der alternative Umgang mit Dingen und die Änderung der diesbezüglichen Einstellung verbreitet, so dass mit Hilfe anderer Stadtbewohner/innen alle eigenen materiellen Bedürfnisse befriedigt werden können. Dadurch vermindert sich nicht zuletzt auch der Abfall und der Ressourcenverbrauch. Neben dieser rein funktionalen Sicht auf Dinge soll jedoch nicht unterschlagen werden, dass unser Verhältnis zu Dingen oft auch mit Lust, Freude und Hedonismus verbunden ist. Dies kommt beispielsweise in der oben schon einmal zitierten Interviewaussage von Lucy zum Ausdruck, in der sie über ihren Wasserkrug spricht: «Ja das habe ich vielleicht irgendwo aus speziellen Gründen ausgesucht und das ist mir nachher vielleicht wertvoll.» In einem vergleichbaren Sinn umschrieb auch mein Interviewpartner Stephan seine Konsumpraktiken, die keineswegs immer rein rationalen Gründen folgen, sondern die auch Käufe um der puren Lust willen umfassen: «Ich habe […] gerade viel […] Elektronikartikel recycelt, in den Müll gegeben, weil sie alt sind und weil ich sie nicht mehr wirklich brauche und gleichzeitig habe ich auch jetzt viel Elektronikartikel gekauft. […] Und dann denke ich mir wieder… in ein paar Jahren werde ich die wieder recyceln und wegwerfen. Also dann […] überlegt man vielleicht, ob man das wirklich braucht.» Die Grundeinstellung des Interviewpartners kommt zum Ausdruck. Ihm ist bewusst, dass die Lebensdauer seiner Geräte sehr beschränkt ist und dass er immer wieder Sachen kauft, die er vielleicht nicht unbedingt braucht. Ein psychohygienischer Ausweg aus diesem Dilemma stellt die Praxis des Recycelns dar: Er gewinnt dadurch ein besseres Gefühl, da es ihm seine Moral nicht erlauben würde, Sachen einfach wegzuschmeissen.
Mit den alternativen Praktiken wie «Sharing» oder «Reparieren» werden neue Wege zur Befriedigung der Bedürfnisse vorgestellt, die die Menge der besessenen Gegenstände verkleinert und die Nutzungsdauer verlängert. Der Zweck der Initiativen, den Massenkonsum zu reduzieren, wird damit erfüllt. Das Verhältnis zu den Dingen soll sich grundlegend transformieren: Man solle Dinge besitzen, die lebensnotwendig sind, jedoch zu Sachen, die nicht täglich gebraucht werden, ein kollaboratives Verhältnis entwickeln. So sollen die Weichen hin auf die Zukunft, auf eine nachhaltige Gesellschaft gestellt werden.

Gemeinschaften
Viele Nachhaltigkeitsinitiativen bezwecken laut der Kulturanthropologin Maria Grewe eine Verbesserung der Nachbarschaftsverhältnisse und eine lokale Vernetzung (vgl. Grewe 2015, 283f). Die städtische Nachbarschaft ist oft anonym – man bleibt sich fremd. In der digitalen Welt ist man mit Menschen auf der ganzen Welt verbunden und trotzdem weiss man nicht, wie der eigene Nachbar aussieht. Dieser städtischen Entfremdung versucht PumpiPumpe entgegenzuwirken und durch ihre Aktivität eine «Sharing Community» entstehen zu lassen. Online, auf der Pumpipumpe-Webseite, kann nachgeschaut werden, wo es was zum Ausleihen gibt. Es werden keine Namen genannt und es muss bei der jeweiligen Wohnung vorbeigegangen und geklingelt werden um die «Peers» (vgl. Anm. 2) tatsächlich kennenzulernen. Diese analoge «Face-to-Face»-Praxis soll die Entstehung einer «Community» fördern, die verschiedene Leute mit gleichen Interessen zusammenbringt. Es gibt keine strengen Anweisungen, die genau besagen, wie der Austausch mit den Nachbarn ablaufen sollte. Dies sei eine bewusste Entscheidung der Initiant/innen, mit der bezweckt werden soll «dass eine gewisse Aktivierung stattfindet, dass Leute selber aktiv werden und überlegen», wie meine Interviewpartnerin Lucy ausführte. Die Gründer/innen von PumpiPumpe wollten kein fertiges Produkt im Rahmen etablierter Konsumpraktiken anbieten, sondern den Mitmachenden freien Raum lassen, um sich selbst damit auseinanderzusetzen, wie mit einer solchen Situation umzugehen ist. Gemeinschaftem, die durch solche geteilten Praktiken entstehen, werden in der sozialwissenschaftlichen Forschung auch als «Community of Practice» bezeichnet. Etienne Wenger, Sozialforscher und Co-Autor dieser Begrifflichkeit, definiert solche Communities of Practice als Gruppen von Menschen, die dadurch verbunden sind, dass sie sich enthusiastisch für ein Problem einsetzen und mit anderen Menschen gleicher Einstellung interagieren, indem sie ihr Wissen, Dinge und Weiteres austauschen (vgl. Wenger 2009, 1). Die Kulturanthropologin Maria Grewe, die sich in ihren Forschungen zu Repair Cafés auf Wengers Konzept bezog, betonte ausserdem, dass der soziale Hintergrund der einzelnen Mitglieder keine Rolle spiele, vielmehr sei es das gemeinsame Interesse, welches die Menschen zusammenbringe (vgl. Grewe 2015, 283). Diese These findet sich im Selbstverständnis der von mir untersuchten Sharing-Communities bestätigt. Es ist ein deklariertes Ziel der Initiator/innen, dass das Zusammenbringen unterschiedlichster Menschen über die Plattform PumpiPumpe bei den Mitmachenden Toleranz und Offenheit fördern soll. So meint die Befragte Lucy zu diesem Thema: «Umso wichtiger finde ich […] die Konfrontation mit Leuten, die anders sind […]». Durch das Online-Netzwerk soll das lokale Netzwerk gestärkt und das Potenzial der urbanen Nachbarschaft ausgenutzt werden, wie abermals die Interviewpartnerin Lucy erläuterte: «Man kennt sich im urbanen Kontext nicht. […] Urbanisierung ist ein Trend […]. Gleichzeitig gilt aber, je grösser eine Stadt ist, desto anonymer, was eigentlich schade ist […], weil […] es ist so ein grosses Potenzial, ein wertvolles Netzwerk […].» Diese Beschreibung trifft sich mit der Analyse des Kulturwissenschaftlers Wolfgang Kaschuba, der mit Blick auf aktuelle zivilgesellschaftliche Initiativen die Städte der Gegenwart als Orte der kulturellen Experimente und als Quellen vielfältiger Ressourcen charakterisiert, die ein riesiges, ungenutztes Potenzial vorweisen (vgl. Kaschuba 2015, 25). Durch solche zivilgesellschaftlichen Praktiken wie eben beispielsweise Sharing-Netzwerke können sowohl die materiellen als auch die sozialen Bedürfnisse der Stadtbewohner befriedigt werden. Städte verfügen über ein intellektuelles als auch materielles Vermögen, die sinnvoll und bewusst genutzt werden sollten. In diesem Sinne wollen die Soziologin Andrea Baier und ihre Mitautor/innen in der Stadt ein «Laboratorium für das Produzieren, Teilen, Tauschen und Verteilen» (Baier et al. 2016, 44) erkennen. Obwohl dieser Gedanke einem wie eine Utopie erscheinen mag, könnte er zu einer Lösung für die begrenzte Menge an Ressourcen werden.

Grosses bewirken durch Teilen…
Das Konsumverhalten unserer Gesellschaft wird mit Blick auf den hohen Rohstoffverbrauch, die Umweltverschmutzung und die damit einhergehenden Abfallberge seit einigen Jahren heftig diskutiert. Das überflüssige Einkaufen und Wegwerfen sind die Hauptkritikpunkte. Das Konzept «Sharing» bietet als eine Praxis des Teilens und Tauschens die Möglichkeit, anders mit Gütern umzugehen und verhilft zur Verminderung der Nachfrageintensität (vgl. Baier et al. 2016, 277). Dank der Entstehung immer mehr solcher Initiativen wird diese Praxis in zunehmend vielfältigeren Aspekten des menschlichen Lebens möglich. Die zwei hier vorgestellten Sharing-Initiativen tragen durch ihre «Dienstleistungen» zur Verminderung des Konsums bei und die Auseinandersetzung mit diesem Thema wird angeregt. Auch eine Gemeinschaft Gleichgesinnter kommt zustande, wodurch das Potenzial der urbanen Nachbarschaft genutzt wird. Trotzdem geht es nicht nur um einen nachhaltigen und bewussten Umgang mit Gütern im überschaubaren Kreis Gleichgesinnter, sondern auch darum, die Öffentlichkeit auf die aktuellen Probleme dieser Welt aufmerksam zu machen und sie dahingehend aufzuklären. Durch die Information der Öffentlichkeit kann viel geändert werden. Es ist der Einsatz der Einzelnen, der langfristig einen Wandel herbeiführen kann.

Anmerkungen

Anm. 1: Name geändert, diese, sowie alle folgenden zitierten Interviewpartner/innen wurden anonymisiert.

Anm. 2: «‹Peer› bezeichnet (u.a.) Gleichberechtigte, die sich niemandem unterordnen müssen» (Baier et al. 2016, 65).

Literaturverzeichnis

Baier, Andrea, Tom Hansing, Christa Müller et al. (Hg.): Die Welt reparieren. Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis. Bielefeld: Transcript, 2016.

Fischer, Daniel, Gerd Michelsen, Birgit Blättel-Mink u. a. (Hg.): Nachhaltiger Konsum: Wie lässt sich Nachhaltigkeit im Konsum beurteilen? In Rico Defila, Antonietta Di Giulio und Ruth Kaufmann-Hayoz (Hg.): Wesen und Wege nachhaltigen Konsums. Ergebnisse aus dem Themenschwerpunkt «Vom Wissen zum Handeln – Neue Wege zum nachhaltigen Konsum». München: Oekom, 2011, 73 – 88.

FoodSharing, URL: https://foodsharing.de (Abgerufen: 15.06. 2018).

Frag Ceasar, URL: https://www.frag-caesar.de/lateinwoerterbuch/consumere-uebersetzung.html (Abgerufen: 19.11.2018).

Goudin, Pierre: The Cost of Non- Europe in the Sharing Economy. Economic, Social and Legal Challenges and Opportunities, URL: http://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/STUD/2016/558777/EPRS_STU(2016)558777_EN.pdf (Abgerufen: 09. 06. 2018).

Grewe, Maria: Reparieren als nachhaltige Praxis im Umgang mit begrenzten Ressourcen? Kulturwissenschaftliche Notizen zum «Repair Cafés». In: Markus Tauschek und Maria Grewe (Hg.): Knappheit, Mangel, Überfluss. Kulturwissenschaftliche Positionen zum Umgang mit begrenzten Ressourcen. Frankfurt/New York: Campus, 2015, 267 – 289.

Hahn, Hans Peter: Konsumkritik («Use less things»). In: Hans Peter Hahn (Hg.): Materielle Kultur. Eine Einführung. Berlin: Dietrich Reimer Verlag, 2005, 66–72.

Kaschuba, Wolfgang: Vom Wissen der Städte. Urbane Räume als Labore der Zivilgesellschaft. In: Berliner Blätter, Heft 69 (2015), 13–29.

König, Wolfgang: Geschichte der Konsumgesellschaft. Stuttgart: Steiner, 2000.

PumpiPumpe: A sharing Community, URL: http://www.pumpipumpe.ch/ (Abgerufen: 15.06.2018). 

Scholl, Gerd, Lasse Schulz, Elisabeth Süssbauer et al.: Nutzen statt Besitzen: Perspektiven für ressourceneffizienten Konsum durch innovative Dienstleistungen. Wuppertal: Wuppertal Inst. für Klima, Umwelt, Energie, 2010.  

Wenger-Trayner, Etienne und Beverly Wenger-Trayner: Introduction to communities of practice. A brief overview of the concept and its uses, URL: http://wenger-trayner.com/introduction-to-communities-of-practice/ (Abgerufen: 10.11.2018).

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Fotografie von der Website PopUp City. URL: Cityhttps://popupcity.net/a-sticker-pack-for-urban-item-sharing/ (Abrufdatum: 29.11.2018). 

Abb. 2: Fotografie von Markéta Záhoríková, Winterthur, November 2018.