Urbane Kulturen der Nachhaltigkeit
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Repair Cafés: Reparieren statt wegwerfen

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Reparieren statt wegwerfen:
Wie das Reparieren durch Repair Cafés wieder Bedeutung erhält

von Lisa Brandl

In früheren Gesellschaftsformen, zu Krisen- oder Kriegszeiten war das Reparieren von kaputten Gegenständen oft eine Überlebensnotwendigkeit, da Ressourcen begrenzt oder zu teuer waren. Noch vor 50 Jahren war es auch bei uns fast selbstverständlich, dass man einen Riss in einer Hose näht und dies nicht nur einmal, sondern vielleicht zehn Mal. Wenn aber heutzutage ein Kleidungsstück kaputtgeht, wird es meist weggeworfen und im Warenhaus oder im Internet für wenige Franken ein neues gekauft. Defekte Fernseher werden nicht repariert, sondern ersetzt – mit etwas «Glück» sogar vom Anbieter auf Garantie. Ein/e Schweizer/in produziert so pro Jahr über 700kg Abfall. Obwohl gesetzliche Grundlagen den Export in Entwicklungsländer eigentlich verbieten, landet Elektroschrott nach wie vor häufig in Afrika. Dort entstehen so riesige Abfallberge und die in den Geräten enthaltenen Schadstoffe gelangen in die Umwelt (vgl. Anm. 1). Doch was kann man tun, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen? Eine Möglichkeit, etwas zu verändern, bietet das Projekt der Repair Cafés. Repair Cafés sind Veranstaltungen, an denen man seinen kaputten Gegenstand mitbringen und gemeinsam mit den anwesenden Reparatur-Profis und anderen Teilnehmenden versuchen kann, diesen zu reparieren. Sie bieten also «Hilfe zur Selbsthilfe». Häufig sind kleine Reparaturen gar nicht schwer, allerdings muss man wissen, wo ansetzen, eventuell entsprechendes Werkzeug zur Verfügung haben und sich vor allem getrauen, die Geräte zu öffnen. Durch diese Praxis verlängert man nicht nur die Lebensdauer seines Gegenstands, sondern erweitert auch gleich sein Reparaturwissen. Repair Cafés schaffen somit eine Möglichkeit, der Abfallmenge sowie der Ressourcen- und Energieverschwendung durch die ständige Produktion neuer Geräte entgegenzuwirken.

Ein Besuch in Repair Cafés
Die erste Repair Café-Veranstaltung wurde 2009 in den Niederlanden durchgeführt. Durch den Erfolg dieses Repair Cafés gründete Martime Postma im Anschluss daran die Stiftung Stichting Repair Café, die bis heute zahlreiche Gruppen, die Repair Cafés betreiben beziehungsweise eröffnen wollen, im In- und Ausland unterstützt (vgl. Repair Café: Über). Ihr Ziel war es, «Reparieren einfach und lokal zugänglich, unterhaltsam und kostenlos für die Besucher an[zu]bieten und damit das Reparieren wieder attraktiver [zu] machen» (zit. bei Grewe 2015, 274). In Repair Cafés werden elektronische Geräte, Kleider, Uhren, Fahrräder, Spielzeuge und Vieles mehr repariert. Im Mai 2016 existierten 1’040 Repair Cafés weltweit (vgl. Charter und Keiller 2016, 15). Heute, am 21.11.2018, sind auf der Webseite der Stichting Repair Café bereits 1’646 Repair Cafés eingetragen (vgl. Repair Café: Besuchen). Die Initiative wächst also sehr schnell. In Wirklichkeit dürften es zudem noch weit mehr sein, denn viele Reparatur-Initiativen werden privat oder von anderen Organisationen betrieben. In der Schweiz unterstützt die Stiftung für Konsumentenschutz bestehende und neue Repair Cafés und bietet auf ihrer Webseite kostenloses Informationsmaterial sowie eine Organisationsplattform (vgl. Repair Café Schweiz). In seinem Handbuch beschreibt der Konsumentenschutz Repair Cafés folgendermassen:

«Repair Cafés bieten die Möglichkeit, konkret etwas gegen den Ressourcenverschleiss und die wachsenden Abfallberge zu unternehmen. Ganz nebenbei wird das Portemonnaie geschont, man trifft neue Leute und kann sich bei Kaffee und Kuchen unterhalten. Repair Cafés verleihen der Kultur des Reparierens neuen Auftrieb und machen Spass! In Europa wandern zahlreiche Produkte tagtäglich in den Müll. Auch Gegenstände, an denen nicht viel kaputt ist und die nach einer einfachen Reparatur problemlos wiederverwendet werden könnten. Leider ist das Reparieren bei den meisten Menschen aus der Mode gekommen oder es fehlt das notwendige Wissen, um die Produkte selbst zu reparieren. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Menschen mit grossem handwerklichem Geschick. Das Repair Café versucht diese beiden Gruppen zusammenzubringen und so die Lebens- und Nutzungsdauer von Produkten zu erhöhen.» (Repair Café Schweiz: Repair Café gründen)

In Zürich gibt es drei Repair Café-Projekte, wovon ich im Sommer 2018 zwei besucht habe. Repair Café-Veranstaltungen finden meist ein Mal pro Monat statt. Mein Ziel war es, selbst zu erleben, wie diese Veranstaltungen funktionieren, was für Leute ich dort treffe und wie das Reparieren gestaltet wird. Durch Beobachtungen, Gespräche mit Gästen sowie zwei Leitfadeninterviews mit Reparatur-Profis versuchte ich in Erfahrung zu bringen, welche Aspekte und Beweggründe für die Menschen in Repair Cafés zentral sind. Unterstützen sie die Repair Cafés, weil sie etwas für die Ressourcenschonung tun wollen oder geht es ihnen bloss darum, Geld zu sparen? Wird das Reparieren als politische Aktivität gesehen oder einfach als Hobby? Fühlen sich die Menschen als Teil einer Community?
Um diese Fragen zu beantworten habe ich als erstes die Repair Café-Veranstaltung im FabLab Zürich am 5. August 2018 besucht. FabLabs sind sogenannte offene Werkstätten, welche «Raum, Werkzeug und fachlichen Rat für kreative und eigensinnige Produktion» bieten (Anstiftung: Offene Werkstätten). FabLabs stellen wie Repair Cafés ein weltweites Netzwerk dar. Sie richten sich an «handwerklich, gestalterisch und technisch interessierte Leute» und haben durch ihre maschinelle Grundausstattung den Anspruch, (beinahe) alles herstellen zu können (FabLab Zürich: Unser Verein). FabLabs sind aber keine Auftragswerkstätten, sondern es geht darum, selbst auszuprobieren, zu experimentieren, Erfahrungen zu sammeln und Ideen in reale Produkte zu verwandeln. Wie in Repair Cafés allgemein, arbeiten auch die Betreiber/innen des FabLabs ehrenamtlich. Das FabLab eignet sich natürlich hervorragend für die Organisation eines Repair Cafés, da viele Materialien und Werkzeuge bereits vor Ort vorhanden sind. Bei meinem Besuch hat mich der Organisator des Repair Cafés, Max (vgl. Anm. 2), begrüsst und sich nach kurzem Herumführen angeboten, meine Fragen zu beantworten. Laut Max war das Repair Café im FabLab Zürich das erste überhaupt in der Schweiz. Er hat im Fernsehen von dieser Bewegung erfahren und sie schliesslich, zusammen mit anderen, auch in die Schweiz geholt. Abbildung 1 zeigt den Blick vom Eingang des FabLabs in den Hauptraum hinein. Ich war beeindruckt von der Grösse und Offenheit der Räume, sowie den vielen Materialien und Geräten, die man auf der Abbildung zum Teil sehen kann. An meinem Besuchstag waren vier Reparatur-Profis anwesend, was laut Max mehr ist, als an anderen Repair Café-Veranstaltungen im FabLab. Besucher/innen hatte es an diesem Tag lediglich zwei, was vielleicht auf die Sommerferien und das an diesem Sonntag sehr schöne und warme Wetter zurückzuführen ist. Die beiden Gäste waren bei meinem Eintreffen gerade dabei zu diskutieren, wie man einen Riss in der mitgebrachten Hose des einen Besuchers am besten flickt. Max und ich haben uns schliesslich ins zugehörende FabCafé gesetzt, um etwas Ruhe zu haben und das Interview durchzuführen.

Abb. 1: Eingangsbereich des FabLabs Zürich.

Abb. 1: Eingangsbereich des FabLabs Zürich.

Am 2. September 2018 habe ich die Repair Café-Veranstaltung im Gemeinschaftszentrum Buchegg besucht. In der Stadt Zürich gibt es 17 Gemeinschaftszentren, die als Begegnungsorte im Quartier fungieren, um Kultur, Bildung, Austausch von Generationen, Integration und Chancengleichheit zu fördern (vgl. Zürcher Gemeinschaftszentren: Portrait). Das Gemeinschaftszentrum Buchegg bietet unter anderem eine Cafeteria, ein Atelier, Theater-, Musik-, Tanz- oder Fitnesskurse, eine Spielgruppe und viele weitere Angebote. Musikübungsräume, Säle für eigene Feste und Weiteres können zudem gemietet werden (vgl. Gemeinschaftszentrum Buchegg). Das Repair Café im Gemeinschaftszentrum findet jeweils am ersten Sonntag im Monat, an den GZ-Familiensonntagen, statt. An diesen Familiensonntagen sind zudem die Holzwerkstatt und das Atelier geöffnet, im Café gibt es ein Mittagessen und je nach Jahreszeit findet im Freien oder im Saal ein Kinder-Flohmarkt statt (vgl. Gemeinschaftszentrum Buchegg: Programm). Bei meinem Besuch fand der Flohmarkt im Freien statt, was heisst, dass der Platz vor dem Gemeinschaftszentrum, den man in der Abbildung 2 sehen kann, voll mit Leuten, Tischen und Tüchern am Boden war, auf denen Dinge ausgebreitet waren. Nach meinem Besuch im Repair Café im FabLab einen Monat zuvor, war ich verblüfft, wie viele Leute ich nun hier antraf. Das Repair Café findet im ersten Stock des Gebäudes statt, und auch dieser Raum war gefüllt mit Menschen. Anders als im FabLab gibt es im Gemeinschaftszentrum einen Empfangstisch, wo man sich anmelden muss. Man füllt ein Reparatur-Blatt über den mitgebrachten Gegenstand aus und unterschreibt eine Haftungsbegrenzung. Das Reparatur-Blatt, auf dem nach der Reparatur eingetragen wird, ob diese gelungen ist oder nicht, dient der Statistikerhebung über Repair Cafés. An diesem Tag waren sieben Reparateure/innen anwesend, was laut der Frau, die mich am Empfang begrüsst hat, ebenfalls eine eher hohe Zahl für eine Repair Café-Veranstaltung im Gemeinschaftszentrum ist. Wegen der vielen Besucher/innen kommt es hier anscheinend aber immer mal wieder vor, dass man im Eingangsbereich warten muss, bis ein/e passende/r Reparateur/in frei ist. Die Tische waren in einem Halbkreis aufgestellt, die Besucher/innen setzen sich gegenüber den jeweiligen Reparateuren/innen hin. Nach meinem Eintreffen habe ich mich eine Weile umgeschaut, den Leuten beim Reparieren zugesehen und, wenn es sich ergeben hat, kurze Gespräche mit anderen Gästen geführt. Der Organisationsleiter des Repair Cafés hat mir schliesslich den Reparateur Peter vermittelt, der schon länger dabei ist und sich bereit erklärte, ein Interview zu geben.

Abb. 2: Vorplatz des Gemeinschaftszentrums Buchegg.

Abb. 2: Vorplatz des Gemeinschaftszentrums Buchegg.

Aus den Interviews, Gesprächen und Beobachtungen konnte ich einige interessante Einsichten in die Bedeutung von Repair Cafés gewinnen. Diese werden in den folgenden Abschnitten, geordnet nach Themengebieten, nun dargestellt. Im ersten Kapitel wird auf die Community der Reparateure/innen und die Bedeutung des Begegnungsortes eingegangen. Im zweiten Kapitel folgt die Bedeutung des Wissensaustausches und der Förderung eines nachhaltigen Bewusstseins. Das dritte Kapitel behandelt die Freude am und Bedeutung des Reparierens an sich, während es im vierten Kapitel um die politische Seite der Nutzungsdauerverlängerung geht. Zum Schluss folgt eine Zusammenfassung der wichtigsten Befunde zur Forschungsfrage, ob und wie Repair Cafés etwas verändern wollen.

Orte und Möglichkeiten schaffen
Repair Cafés sind keine Auftragswerkstätten, sondern sie bieten einen Ort, wo sich die Menschen ohne Druck oder Erfolgszwang austauschen können, an Geräten basteln, experimentieren und vernetzen. Reparatur-Profis geben den Besuchern/innen Tipps und erklären wie sie vorgehen können. Das Zusammen-Reparieren ist, auch laut der Medien- und Kommunikationsforscherin Sigrid Kannengiesser, ein zentraler Aspekt in Repair Cafés (vgl. Kannengiesser 2018a, 103). Dies wird auch durch das ‹Café› in Repair Café verdeutlicht: Es sind gemütliche Treffen, bei denen nebst dem Reparieren auch Kaffee, Kuchen und Unterhaltung wichtig sind (vgl. FabLab Zürich: Fragen und Antworten; Grewe 2015, 275; Repair Café Schweiz: Repair Café gründen). Zentral ist dabei, dass solch ein Ort überhaupt existiert. Max betonte im Interview mehrmals, wie wichtig er es findet, Freiräume für solche Dinge zu schaffen. Er bezeichnete das FabLab als eine «offene, austauschende, innovationsfreudige, neidfreie Umgebung», wo Wissen geteilt werde und man gerne voneinander lerne. Entscheidend ist in seinen Augen, dass der Zugang zu solchen Begegnungsorten existiert, wo man kreativ sein kann, ausprobiert und wenn nötig Hilfe holen kann. Auch Sigrid Kannengiesser (2018a, 110), die verschiedene wissenschaftliche Beiträge zu Repair Cafés als konsumkritische Praxis geschrieben hat, sowie Martin Charter und Scott Keiller (2016, 4), welche zwei quantitative Studien zu Repair Cafés weltweit durchgeführt haben, beschreiben unter anderem das Treffen und Unterhalten mit Leuten, der Gemeinschaft einen Dienst zu erbringen sowie Teil der Bewegung zu sein als Hauptmotive für die Teilnahme an Repair Cafés. Ich erhielt während meinen Besuchen nicht unbedingt das Gefühl, dass man sich in Repair Cafés als «exklusive» Gemeinschaft fühlt. Wie in anderen Vereinen auch, versteht man sich wohl mit dem/der Einen besser und mit dem/der Anderen weniger. Beide Interviewpartner sprachen aber von einer Reparatur- oder Do-It-Yourself-«Szene» in Zürich, wo man sich gegenseitig kenne und immer mal wieder treffe. Es gibt also eine Art Community derjenigen Leute, die regelmässig an verschiedenen Events teilnehmen und die dahinterstehenden Werte konsequent vertreten und leben. Durch geteilte Wertvorstellungen und Ziele bietet diese «Reparatur-Szene» eine Identifikationsmöglichkeit, wie sie auch von der Kulturanthropologin Maria Grewe (2015, 283–284) beschrieben wird.
Nebst der Community vor Ort spielt auch das Internet eine wichtige Rolle. Einerseits wäre die Repair Café-Bewegung ohne das Internet, digitaler Informationsverbreitung und Online-Foren wahrscheinlich kaum so erfolgreich. Erst durch die ortsübergreifende Kommunikation und Vernetzung wird aus den Repair Cafés die Reparatur-Bewegung, die einen kulturellen Wandel hin zum Reparieren bewirken will (vgl. Grewe 2015, 284; Kannengiesser 2018a, 113–114; Kannengiesser 2018b, 224). Nebst der Mund-zu-Mund-Verbreitung haben viele Gäste, mit denen ich gesprochen habe, zudem über das Internet von der Existenz der Repair Cafés erfahren. Andererseits wird das Internet auch an den Veranstaltungen selbst genutzt, um sich Informationen zu holen. Peter erklärte mir, dass er oft im Internet nachschaut, ob jemand beispielsweise dokumentiert hat, wie man ein Gerät öffnet. «Es ist ein wenig das Knowhow wie man sich Hilfe holt im Internet, das lernt man eben auch, und das ist auch etwas, das man den Leuten weitergeben kann», sagte er zu mir. Auch Max erzählte: «Dann hatten die Leute das Problem schon und haben eine Lösung dafür gefunden. Beispielsweise wenn es das Ersatzteil nicht mehr gibt, dann hat jemand vielleicht etwas Anderes herausgefunden, das auch passt. Und das findet man dann alles im Internet.» Das Internet ist also nicht nur für die Organisation und Bekanntmachung der Bewegung an sich wichtig, sondern auch, um Wissen zu recherchieren und zu teilen.

Wissen weitergeben
Dieses Weitergeben von Wissen ist, zumindest für meine Interviewpartner, der zentralste und übergreifende Beweggrund, an Repair Cafés mitzuhelfen. Mit dieser Aussage sind nun nicht mehr nur digitale Inhalte gemeint, sondern auch die direkte Kommunikation mit Besucherinnen und Besuchern. Die Reparatur-Profis geben diesen einerseits Tipps, wie sie Geräte (auch im Alltag) reparieren können, andererseits versuchen sie die Ratsuchenden dahingehend weiterzubilden, wie man Defekte von vornherein verhindern kann. Mich beeindruckte schon vor und auch während der Interviews, wie viel Max und Peter über Funktionen, Schwachstellen und Reparaturtricks zu verschiedensten Gegenständen und Geräten wussten. «Man lernt viele Sachen», wie Max mir über seine Arbeit im Repair Café erzählte. Zudem fiel auf, dass mir beide auch während der Interviews immer wieder Tipps gaben, wie man bestimmte Geräte richtig verwendet, wartet oder lagert. Peter erläuterte zudem, dass Erfolg oftmals bloss an der Reparatur gemessen werde, was so aber nicht ganz zutreffe: «Ich finde, ein grosser Teil von uns ist auch Beratung, um den Leuten weiterhelfen zu können.» Dazu gehöre auch, die Hilfesuchenden ohne Reparatur wieder wegzuschicken, damit sie ein richtiges Ersatzteil besorgen, und sie mit Tipps zu versehen, wie sie dieses zu Hause einbauen können. Ein weiteres Ziel ihrer Arbeit sehen die Reparateure/innen darin, das Bewusstsein dafür zu fördern, dass man wegen eines kaputten Kabels oder Steckers nicht das ganze Gerät wegwerfen müsse, sondern bloss dieses Teil ersetzen müsse, um den Gegenstand weiterverwenden zu können. Zu Beratung gehöre ausserdem, die Leute dabei zu unterstützen, wo sie geeignete Ersatzteile finden können, sowie sie dazu zu animieren, bei Neukäufen darauf zu achten, Geräte auszuwählen, die überhaupt reparierbar sind. Max meinte dazu: «Unsere Argumente sind ja auch schlüssig, […] ich hoffe, dass beim nächsten Kauf, dass die Leute halt ein wenig mehr Aufwand betreiben und etwas Anständiges kaufen». Sigrid Kannengiesser benutzt im Zusammenhang mit Wissen und Lernen in Repair Cafés den Begriff «technical empowerment» (Kannengiesser 2018a, 103). Nicht nur durch die Belehrung der Reparateur/innen, sondern auch dadurch, dass die Leute selbst versuchen ihre kaputten Gegenstände zu reparieren, lernen sie etwas über deren Herstellungsweisen, Qualitäten und Schwachstellen. Das erlangte Wissen kann dann anderswo wieder eingesetzt werden, beispielsweise bei Geräten zu Hause oder bei zukünftigen Käufen. Selbst wenn die Leute mit einem Gegenstand vorbeikommen, der nicht mehr reparierbar ist, so ist laut Peter die Tatsache wichtig, dass sie bei Profis nachgefragt hätten und der Gegenstand schliesslich mit gutem Gewissen entsorgt werden könne. «Die Reparatur [in Repair Cafés] ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber ich finde die Ausbildung der Leute, das Weitergeben von unserem Wissen, oder dass man fragen kommt, ob man es flicken kann, anstatt es gleich wegzuwerfen. Das finde ich eigentlich die Leistung, die wir machen können [...], dass wir da das Bewusstsein fördern», so die Meinung von Peter. Es geht also darum, Wissen weiterzugeben, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie Gegenstände auch vermehrt zu Hause repariert werden können, damit die Abfallberge weniger weiterwachsen und begrenzte Ressourcen geschont werden können.

Freude am Reparieren
Obwohl das Reparieren «ein Tropfen auf den heissen Stein» sei, mindert dies nicht das Interesse der Reparateure/innen an dieser Tätigkeit. Max gefällt an Repair Café-Veranstaltungen, dass im Gegensatz zum Markt der Druck und die Erwartungshaltung ganz anders seien. Die Freude am Rätseln, Basteln, Werken und kreativ sein soll den Besuchern/innen ebenfalls weitergegeben werden. Es gebe ein gutes Gefühl, eine Reparatur selbst zu versuchen, und auch wenn sie nicht klappe, habe man es zumindest probiert und vielleicht noch etwas dabei gelernt. Die Kulturanthropologin Maria Grewe (2015, 281) umschreibt diesen Sachverhalt folgendermassen: «Indem sich die Akteure ehrenamtlich in Repair Cafés engagieren, suchen sie nach Lösungen und erleben sich in ihrer Lebenswelt als wirksam. Sie bewirken Veränderungen, bauen Netzwerke in ihren lokalen Lebenswelten auf und gewinnen ein Gefühl von Autonomie.» Die Gefühle Selbstwirksamkeit, Stolz und die Freude daran, etwas tun zu können, sind also wichtige Aspekte, die das Reparieren mit sich bringt. Auch laut dem Konsumentenschutz geht es bei Repair Cafés darum, dass die Menschen wieder lernten, dass Reparieren Spass mache und relativ einfach sei, sobald man mal den Mut dazu gefasst habe (Konsumentenschutz: Was ist ein Repair Café). In verschiedenen Beiträgen wird Reparieren als sinnvolle Möglichkeit beschrieben, sich handwerklich zu betätigen, kreativ auszuleben, etwas zu «machen» und Probleme selbst zu lösen (Grewe 2015, 271; Kannengiesser 2018b, 227–228; Morel und Le Roux 2016, 5). Jörg Rainer Noennig, Lukas Oehm und Sebastian Wiesenhütter (2014, 39) beschreiben in ihrem Aufsatz zwar FabLabs, die Aussage bezüglich des Praktischen trifft aber gut auch auf Repair Cafés zu: «Das Selbermachen erlangt hier besondere Bedeutung: durch eigene, unmittelbare Erfahrungen entsteht eigenes Können, wertvolle Expertise. Solches implizites Wissen wiederum wird durch Mitmachen Anderen vermittelt, multipliziert und verbreitet.» Peter erzählte mir, dass viele Leute Hemmungen oder Angst haben, ein Produkt selbst zu öffnen. Seine Antwort sei dann aber: «Wenn das Ding kaputt ist, kann man eigentlich nicht mehr viel kaputt machen, dann kann man es wegwerfen oder flicken, und dann lohnt es sich eigentlich immer, aufmachen und schauen, wie sieht es drin aus.» Mit dieser praktischen Lebensweisheit will er die Leute dazu animieren, sich zu Hause an ihre kaputten Geräte zu wagen. Und Max bestätigte: «Viele Leute sind natürlich auch interessiert, wenn man so in die Technik hineinkommt: he, da kann ich was lernen». Durch die Auseinandersetzung mit Gegenständen und die Aneignung von (Reparatur-) Wissen über diese, lernt man, die Gegenstände auf eine andere Weise wahrzunehmen und wieder wertzuschätzen.
Beide Interviewpartner haben zudem erwähnt, dass sie sehr gerne alte Geräte reparieren, da diese viel stabiler gebaut seien. Bei diesen lohne sich eine Reparatur auch, da sie danach wieder für viele Jahre funktionierten: «Die gute alte Technik, die hält. Die ist robust, sie ist übersichtlich und sie ist gut dokumentiert. Je älter die Technik umso robuster ist sie und umso einfacher zu warten. Hingegen bei neuen Geräten, die sind möglichst einfach und in einem Fluss zusammengebaut. Herstellungstechnisch möglichst einfach, aber die kann man gar nicht mehr reparieren, oder dass der Aufwand zu gross ist.»

Nachhaltig nutzen
Nebst der Freude am Reparieren schwingt hier auch das Ärgernis über neuere Geräte mit, die oftmals aus billigen Materialien gefertigt sind und somit schneller kaputtgehen, oder die so zusammengebaut sind, dass man sie gar nicht reparieren kann. Max ist überzeugt davon, dass die Hersteller die Produkte absichtlich und künstlich schlecht konstruieren und produzieren, denn: «Es gibt mehr Ausfälle, es gibt mehr Verkäufe, es gibt mehr Umsatz.» Wenn Produkte durch Sollbruchstellen oder billige Materialien kaputtgehen, wird dies oft der Strategie der geplanten Obsoleszenz zugeschrieben. Die Stiftung für Konsumentenschutz schreibt, sie konnten «im Oktober 2013 aufzeigen, dass Hersteller zum Teil Produkte absichtlich so konstruieren, dass diese frühzeitig kaputtgehen oder im Falle eines Defekts nicht oder nur schwer repariert werden können (z.B. wegen verklebten Gehäusen, fehlenden Ersatzteilen)» (Konsumentenschutz: Was ist ein Repair Café). Max hat mir schliesslich eine Reihe von Produkten genannt, wo dies der Fall sei. Dazu gehören laut ihm auch Geräte, wo «man einfach vier Stunden aufschrauben muss, bis man rankommt», und die Reparatur somit enorm aufwändig oder fast unmöglich wird. Peter hingegen ist der Meinung, dass es sich bei der angeblichen «geplanten Obsoleszenz» eher um Verleumdungen handle. Er sieht die Ursache für die schlechten Konstruktionen im Preisdruck auf dem Markt. Dadurch, dass die Hersteller gezwungenermassen günstig produzieren müssten, könnten sie kaum qualitativ hochwertige Geräte herstellen und hätten somit gar keine Wahl. Gerade deshalb sei es aber wichtig, beim Einkaufen darauf zu achten, welches Produkt man auswähle und ebenso, kleine Defekte zu reparieren. Peter denkt zudem, dass man durch die Rückmeldungen aus den Repair Cafés vielleicht die Hersteller dazu animieren könne, ihre Produkte anders zu konstruieren, so dass sie besser reparierbar beziehungsweise weniger anfällig für bestimmte Defekte würden. Max leitete von der Thematik der geplanten Obsoleszenz schliesslich direkt über zum Ressourcenverschleiss, den Abfallbergen, die dadurch entstehen, der Natur, welche durch diese wiederum zerstört wird, und den Folgekosten, die diese günstige Produktion schliesslich verursachen wird. Die Verlängerung der Nutzungsdauer von Gegenständen durch die Praxis des Reparierens sieht er also als konkrete und praktische Massnahme gegen die Materialverschwendung und Entmündigung durch die Unternehmen (vgl. dazu auch Baier et al. 2013, 173; Charter und Keiller 2016, 1; Grewe 2015, 275). Das Reparieren wird dadurch zu einer Protestaktion, etwas Bedeutendem, Politischem, das bestimmte Verhältnisse in unserer Gesellschaft verändern kann und soll (vgl. dazu Grewe 2015, 275; Kannengiesser 2018b, 225–226). Ob die kurze Funktionsdauer von Geräten nun beabsichtigt ist oder nicht, wird unterschiedlich gesehen – einig ist man sich jedoch bezüglich der Ziele von Repair Cafés. Nämlich, dass dem schnellen Verschleiss und den damit entstehenden Abfallbergen entgegengewirkt werden müsse.

Veränderung durch Reparieren
Die Repair Café-Bewegung ist auf dem Vormarsch, wie die steigende Anzahl Veranstaltungen deutlich zeigt. Im Jahr 2017 haben die Repair Cafés der Organisation Stichting Repair Café 300’000 Gegenstände vor dem Abfall gerettet (vgl. Repair Café: Nachrichten). Man stelle sich einen Abfallberg mit 300’000 Gegenständen vor und bedenke all die Gegenstände, die durch das erlangte Wissen anschliessend zu Hause repariert werden konnten! Wie lange dieses Wachstum weitergeht, und ob sich die bestehenden Repair Cafés halten können, wird die Zukunft zeigen. In Zürich zumindest scheinen die Repair Cafés zurzeit sehr gut zu funktionieren. In Repair Cafés geht es einerseits um die Begeisterung für das Reparieren an sich, welche bei vielen Menschen aus der Mode gekommen ist. Man soll wieder lernen, wie Gegenstände überhaupt repariert werden können. Dies sei «dringend nötig, wenn Menschen für eine nachhaltige Gesellschaft eintreten sollen» (Repair Café: Über). Repair Cafés bieten eine Alternative zum Wegwerfen und Neukaufen, damit die Abfallmenge reduziert sowie die Energie- und Rohstoffmenge für die Produktion neuer Geräte gespart werden kann. Zumindest für meine Interviewpartner geht es in Repair Cafés definitiv darum, die Lebensdauer der Produkte zu verlängern und nicht alles gleich wegzuwerfen. Für Max ist das Reparieren tatsächlich eine Protestaktion gegen die Hersteller und die geplante Obsoleszenz. Für Peter ist es mehrheitlich ein Hobby und politische Aktivität in dem Sinne, die Unternehmen über Schwachstellen informieren zu können. Reparieren in Verbindung mit Repair Cafés geschieht meist nicht aufgrund eines Ressourcenmangels, sondern aufgrund des Bewusstseins, dass die Ressourcen auf der Erde begrenzt sind. Es ist also eine bewusste Handlung, der eine nachhaltige oder politische Bedeutung verliehen wird. Das Reparieren wird als individuelle Möglichkeit angesehen, etwas gegen die Entmündigung durch Unternehmen, den Ressourcenverschleiss und die Abfallberge zu tun, und sich somit gesellschaftlich zu positionieren. Maria Grewe (2015, 270) schreibt, dass Konsum «angesichts der durch die industrielle Massenproduktion entstandenen, oft verhandelten Konsum-, Überfluss- oder Wegwerfgesellschaft [...] zunehmend zum Ausdruck von Persönlichkeit und Lebensstil geworden [ist]». Für beide Interviewpartner ist es etwas Wesentliches, sich über ihr Wissen und ihre Erfahrungen bezüglich Produkten, Herstellungs- und Reparaturverfahren mit den Menschen auszutauschen, um damit etwas zu verändern. Peter sagt dazu ganz klar: «Die grösste Veränderung, die wir machen, ist glaube ich die Ausbildung der Leute. Also dass man sie animiert, [...] wenn ein Stecker ausgerissen ist, nicht gleich das ganze Bügeleisen wegzuwerfen». Repair Cafés bieten einen Begegnungsort mit Werkzeugen und Maschinen, die man zu Hause vielleicht nicht hat, und einer Gemeinschaft, mit der man sich über Ideen oder Probleme austauschen kann. Sie sind nicht nur als «Orte für Tüftler gedacht», sondern sie sind «der Ausgangspunkt einer Bewegung, die ein neues Denken über die endlichen Ressourcen dieser Erde und unseren verschwenderischen Umgang damit propagiert; einer Bewegung, die sich gegen die Teile der Industrie richtet, deren Strategien darauf zielen, uns alle zu bequemen Konsumenten zu erziehen» (Heckl 2013, ohne Seitenangabe).


Anmerkungen

Anm. 1: Vgl. dazu folgende Zeitungsartikel: «Greenpeace deckt illegalen Export von Elektroschrott auf», URL: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Greenpeace-deckt-illegalen-Export-von-Elektroschrott-auf-748028.html; «Elektroschrott aus der Schweiz landet in Ghana», URL: https://www.srf.ch/sendungen/dok/elektroschrott-aus-der-schweiz-landet-in-ghana; «Wo unser Elektroschrott landet», URL: https://www.zdf.de/kinder/logo/logo-erklaert-entsorgung-von-elektroschrott-100.html (Abgerufen: 22.11.2018).

Anm. 2: Name geändert, diese sowie alle auch im Folgenden zitierten Interviewpartner/innen wurden jeweils anonymisiert.

Literaturverzeichnis

Anstiftung: Offene Werkstätten. URL: https://anstiftung.de/selbermachen/offene-werkstaetten (Abgerufen: 22.11.2018).

Baier, Andrea, Christa Müller und Karin Werner: Stadt der Commonisten. Neue urbane Räume des Do it yourself. Bielefeld: transcript Verlag, 2013.

Charter, Martin und Scott Keiller: The Second Global Survey of Repair Cafés. A Summary of Findings. University for the Creative Arts: The Centre for Sustainable Design, 2016. URL: https://www.research.ucreative.ac.uk/3140/1/The%20Second%20Global%20Survey%20of%20Repair%20Cafes%20-%20A%20Summary%20of%20Findings.pdf (Abgerufen: 15.05.2018).

FabLab Zürich: Fragen und Antworten. URL: http://wiki.zurich.fablab.ch/FragenUndAntworten (Abgerufen: 22.11.2018).

FabLab Zürich: Unser Verein. URL: https://zurich.fablab.ch/home/unser-angebot/ (Abgerufen: 22.11.2018).

Gemeinschaftszentrum Buchegg. URL: http://www.gz-zh.ch/gz-buchegg/gz-buchegg/ (Abgerufen: 22.11.2018).

Grewe, Maria: Reparieren als nachhaltige Praxis im Umgang mit begrenzenten Ressourcen? Kulturwissenschaftliche Notizen zum «Repair Café». In: Markus Tauschek und Maria Grewe (Hg.): Knappheit, Mangel, Überfluss. Kulturwissenschaftliche Positionen zum Umgang mit begrenzten Ressourcen. Frankfurt am Main/New York: Campus, 2015, 267–289.

Heckl, Wolfgang M.: Die Kultur der Reparatur. München: Wilhelm Goldmann Verlag, 2013.

Kannengiesser, Sigrid: Repair Cafés as Communicative Figurations. Consumer-Critical Media Practices for Cultural Transformation. In: Andreas Hepp, Andreas Breiter und Uwe Hasebrink (Hg.): Communicative Figurations. Transforming Communications in Times of Deep Mediatization. Cham: Palgrave Macmillan, 2018a, 101–122.

Kannengiesser, Sigrid: Repair Cafés. Orte urbaner Transformation und Vergemeinschaftung der Reparaturbewegung. In: Andreas Hepp, Sebastian Kubitschko und Inge Marszolek (Hg.): Die mediatisierte Stadt. Kommunikative Figurationen des urbanen Zusammenlebens. Wiesbaden: Springer, 2018b, 211–230.

Konsumentenschutz: Was ist ein Repair Café. URL: https://www.konsumentenschutz.ch/repaircafe/was-ist-ein-repair-cafe/ (Abgerufen: 22.11.2018).

Morel, Laure und Serge Le Roux: Fab Labs. Innovative user (Innovation, entrepreneurship, management series. Smart innovation set, 5). London/Hoboken: ISTE, Ltd, John Wiley & Sons, 2016.

Noennig, Jörg Rainer, Lukas Oehm und Sebastian Wiesenhütter: Fablabs für die Forschung. Die Fusion von Makerspace und Bibliothek. In: Thomas Köhler und Nina Kahnwald (Hg.): GeNeMe ’14. Gemeinschaften in Neuen Medien. Dresden: Technische Universität Dresden, 2014, 33–47.

Repair Café. URL: https://repaircafe.org/de/ (Abgerufen: 22.11.2018).

Repair Café Schweiz. URL: https://repair-cafe.ch/de (Abgerufen: 22.11.2018).

Zürcher Gemeinschaftszentren: Portrait. URL: https://gz-zh.ch/stiftung/portrait/ (Abgerufen: 22.11.2018).

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Eingangsbereich des FabLabs Zürich. URL: https://zurich.fablab.ch/2012/11/willkommen-im-fablab-zuerich/ (Abgerufen: 06.09.2018).

Abb. 2: Vorplatz des Gemeinschaftszentrums Buchegg. URL: http://www.gz-zh.ch/gz-buchegg/gz-buchegg/ (Abgerufen: 06.09.2018).