Urbane Kulturen der Nachhaltigkeit
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Nachhaltige Nachbarschaft? Gemeinschaft im Nachbarschaftsverein

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Nachhaltige Nachbarschaft?
Bildung und Struktur eines Nachbarschaftsvereins, der sich für Nachhaltigkeit engagiert

von Lilian Brem

Nicht weit von der Endhaltestelle der Tramlinie 3 in Albisrieden steht der Schopf, ein kleines Café mitten im Kreis 9 in Zürich. Schon von aussen sieht das Café bunt und einladend aus. Vor dem Eingang steht ein kleiner Tisch mit Bank, Stuhl und farbig gemustertem Sonnenschirm. Ein grosses Schild begrüsst einen schon beim Näherkommen. Wenn man das Café betritt, sieht man Bilder an den Wänden, bunte Deko Artikel auf den Fensterablagen und ausgelegte Flyer auf den Regalen. Auf einem Flyer wird eine Kleidertauschbörse angepriesen. Der Schopf ist das Zuhause des Nachbarschaftsvereins Hochneun. Einem Zeitungsartikel (vgl. Interview in Zürich West, 14.01.2015, 5) über den Verein kann man entnehmen, dass er im Jahr 2015 von vier ambitionierten Frauen gegründet wurde. Damals war das Ziel, dass sich der Verein für eine lebendige, gut vernetzte, soziale und zukunftsfähige Nachbarschaft einsetzt. Dies soll mehr Leben in das Quartier bringen, Menschen zusammenbringen und mehr kulturelle Anlässe ermöglichen. So sollen die Bewohner motiviert werden, nicht nur an Veranstaltungen teilzunehmen, sondern auch selbst ihre Ideen umzusetzen und etwas zu organisieren. Zentrale Themen dabei sind soziale sowie ökologische Nachhaltigkeit. Ein Gründungsmitglied beschrieb ihr Ziel in einem Interview für die Zeitung Zürich West mit folgenden Worten: «[...] wir wollen Menschen zusammenbringen und dabei liegt es uns am Herzen, soziale und ökologische Nachhaltigkeit zu thematisieren. Wir als Familien, Nachbarn oder als Verein können dazu beitragen, unsere Lebensweise in Zukunft anders oder bewusster anzugehen» (Interview in Zürich West, Arlette Kobler, 14.01.2015, 5).

Zum Anfang...
Der Nachbarschaftsverein Hochneun hat mein Interesse geweckt und im Sommer dieses Jahres begab ich mich auf eine Forschungstour. Auf der Webseite beschreibt der Verein sich selbst als ein Projekt, das Menschen zusammenbringt, umweltverträgliche, nachhaltige Events durchführt und das Quartier für eben solche Themen sensibilisieren möchte (vgl. Hochneun: Der Verein). Ich habe mir daher das Ziel gesetzt, die Bildung und Strukturen der Community des Nachbarschaftsvereins genauer anzuschauen. Dafür besuchte ich zunächst einen Strick-, Häkel- und Nähworkshop, der von Mitgliedern des Vereins organisiert wird. Ich machte meine Beobachtungen und sprach mit den Teilnehmer/innen. In einem weiteren Schritt führte ich zwei Interviews mit drei Mitgliedern des Vorstands des Vereins durch. Die Beobachtungen und Aussagen der Interviewpartner/innen dienten als mein Material für die Analyse und Diskussion der Fachliteratur.

Wie können die Mitglieder und Teilnehmenden des Vereins charakterisiert werden?
An einem warmen Sommerabend steige ich aus dem Tram und begebe mich zum Schopf, wo der Strickworkshop stattfindet. Ich werde von den Teilnehmenden begrüsst und von der Leiterin der Gruppe rasch gefragt, was ich denn hier genau mache. Ich erkläre ihr mein Forschungsprojekt und bemerke, dass auch die anderen gespannt zuhören. Mir fiel bald auf, dass in der Gruppe jeder willkommen ist, egal ob jung oder alt. Die Teilnehmenden sind zwischen 20 und 70 Jahre alt. Wichtig ist einzig, dass man am Thema interessiert ist und an einem eigenen Projekt arbeitet, über welches man sich austauschen möchte. Der Hauptkern der Gruppe besteht aus etwa vier Frauen, die jeden Monat dabei sind. Die Gruppe wirkt sehr aufgeschlossen und freundlich. Alle verstehen sich gut. Es wird nicht nur gestrickt und gehäkelt, sondern auch Prosecco getrunken und Kuchen gegessen. Stolz werden die neuen Arbeiten präsentiert und jede wird für ihre Erfolge gelobt.

Abb. 1: Die Arbeit einer Frau aus der Strickrunde.

Abb. 1: Die Arbeit einer Frau aus der Strickrunde.

Immer wieder tauchen Fragen auf, wenn eine Person ein Problem bei ihrem Projekt hat. Daraus ergeben sich Diskussionen darüber, wie das Problem am besten gelöst werden kann. Neben fachlichen Sachen wird aber ebenso über Privates gesprochen, wie zum Beispiel die anstehenden Sommerferien.
Der deutsche Soziologe Sighard Neckel, welcher sich unter anderem mit Eigenschaften von Personen, die sich für Nachhaltigkeit engagieren, beschäftigt hat, kam zu der Erkenntnis, dass Personen, die einen nachhaltigen Lebensstil praktizieren, der neuen Mittelschicht angehören. Sie gehören, mit Blick auf die deutsche Parteienlandschaft, zur Wählerschaft der Grünen und verfügen über ein überdurchschnittliches Einkommen, sind im Dienstleistungs- und Bildungsbereich tätig und leben in urbanen Zentren (vgl. Neckel 2018, 60-61). Die Kulturwissenschaftlerin Michaela Fenske untersuchte für ein Forschungsprojekt unter anderem eine Gruppe von Imker/innen, um mehr über die Charakteristiken der Community herauszufinden. Die meisten Mitglieder dieser Community stammen aus der Mittelschicht. Viele sind akademisch gebildet und haben keinen Migrationshintergrund (vgl. Fenske 2017, 233-234). Der deutsche Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba spricht, mit Blick auf solche Communities, von ähnlichen Eigenschaften. Demnach sind es vor allem gut Ausgebildete aus der Mittelschicht mit mittlerem bis höherem Einkommen, welche sich in urbanen Nachhaltigkeitsprojekten engagieren (vgl. Kaschuba 2015, 23).
Mein Beobachtungen und die Aussagen der Interviewpartner/innen widersprechen jedoch den Aussagen der Literatur. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass die Mitgliederstruktur des Vereins sehr vielfältig gestaltet ist. Zu Beginn waren es fast ausschliesslich Personen, die im gleichen Alter waren oder derselben sozialen Schicht entstammten wie die vier Gründerinnen. Als der Verein bekannter wurde, wurden die Mitglieder vielfältiger. Es gibt heute sowohl jung als auch alt, die mitmachen. Es sind weiterhin hauptsächlich, aber nicht nur, Personen, die im selben Alter wie die Vorstandsmitglieder sind und eine ähnliche Einstellung zu ökologischen oder sozialen Themen haben. Die Interviewpartner/innen charakterisieren die Mitglieder des Vereins grob als zwischen 35 und 55-jährig. Am Strickworkshop zeigte sich zudem, dass auch Personen im Alter von 20 oder 70 Jahren im Verein Mitglied sind.
Zentral für den Verein und seine Wirkung gegen aussen sei, wie meine Interviewpartner/innen betonten, dass nicht nur die Vorstandsmitglieder selbst, sondern der ganze Verein ein Vorbild für einen nachhaltigen Lebensstil darstelle. Weiter erzählten sie, dass die Einrichtung des Schopfs nicht neu gekauft, sondern in Brockenhäusern erworben wurde. Ebenfalls wurden andere alte Gegenstände umfunktioniert.

Abb. 2: Die Secondhand Einrichtung des Schopfs.

Abb. 2: Die Secondhand Einrichtung des Schopfs.

Der Verein verzichtet in seinem Café bewusst auf eine Kaffeemaschine mit Kapselsystem und benutzt stattdessen Kaffeekannen, in denen man auf dem Herd den Kaffee brüht. An diesen kleinen Beispielen zeigt sich, dass der ganze Verein und auch seine einzelnen Projekte sehr auf Nachhaltigkeit ausgerichtet und darauf bedacht sind, mit gutem Beispiel voran zu gehen.
Dieser bestimmte nachhaltige Lebensstil, der vorgelebt werden soll, passt gut zur Theorie des LOHAS, welcher unter anderem vom Wirtschaftswissenschaftler Ingolfur Blühdorn beschrieben wird. LOHAS steht für «Lifestyle of Health and Sustainability». Die Abkürzung wird für Bürgerinnen und Bürger verwendet, welche in ihrer Nachhaltigkeitsorientierung mehr auf Selbstverwirklichung als auf gesellschaftliche Solidarität aus sind (vgl. Blühdorn 2011). Der Kulturwissenschaftler Karl-Michael Brunner stellt daher die Frage, ob das nachhaltige Engagement solcher Schichten anhalte. Denn gerade LOHAS’s pflegten keinen durchgängig nachhaltigen Lebensstil, da sie gekennzeichnet seien durch ein hohes Konsumniveau (vgl. Brunner 2014, 7).
Vermittelt der Verein Hochneun demnach nur den Schein eines nachhaltigen Lebensstils? Während des Strickworkshops wurde davon gesprochen, dass die verwendeten Materialien teuer sind. Jedoch ist es allen wichtig, dass die Materialien restlos verwendet und nichts weggeschmissen wird. Die Interviewpartner/innen betonen, dass sie mit gutem Vorbild vorangehen möchten und andere inspirieren wollen, nachhaltiger zu leben, egal ob in ökologischer oder sozialer Hinsicht. Die Einstellung eines nachhaltigen Lebensstils wird durch den Vorstand des Vereins oder engagierte Mitglieder mithilfe von Events und Projekten präsentiert. Andere sollen dadurch inspiriert werden, einen solchen Lebensstil nachzuleben. Für die Vorstandsmitglieder ist es jedoch sehr wichtig, dass niemand «gezwungen» werde. Dies betonten sie im Gespräch mehrmals.
Durch die Aussagen der Interviewpartner/innen erscheint der Verein als ein Projekt von Personen, die ihr soziales und ökologisches Umfeld inspirieren oder verbessern wollen. Es spielt keine Rolle, wie alt die Personen des Umfelds sind, welchen Beruf sie ausüben oder welche Ausbildung sie absolviert haben. Die Inspiration für einen nachhaltigen Lebensstil findet im Verein Hochneun auf allen erdenklichen Wegen und ohne Grenzen statt – dieser soll nicht bloss als Lifestyle präsentiert werden.

Wie bildet sich der Verein und seine Community und wie sind diese strukturiert?
Als ich mich für das zweite und dritte Mal zum Schopf begebe sind es ebenso schöne und warme Sommertage. Positiv gestimmt erreichte ich beide Male das Café. Ich hatte mir als zweiten Forschungsschwerpunkt vorgenommen, den Aspekt der Community-Bildung stärker zu betrachten und herauszufinden, wie die Community des Vereins Hochneun funktioniert. Dies konnte ich im ersten Interview bereits etwas andeuten, jedoch war vor allem das zweite Interview, welches ich mit einem der Gründungsmitglieder durchführte, aufschlussreich.
Die Interviewpartner/innen erzählten mir, dass der Verein seine Bekanntheit mehrheitlich über seine Events erlange. Die Teilnehmer an Events sind sehr unterschiedlich und durchmischt. Es sind immer wieder neue Gesichter anzutreffen. Es gibt Events, die bestimmte Personen anziehen, die nicht Vereinsmitglied sind. Umgekehrt gibt es Events, die gewisse Mitglieder nicht interessieren. So nehmen je nach Anlass des Vereins Personen aus der Nachbarschaft teil oder auch solche, die am anderen Stadtende wohnen. Es kommt ganz darauf an, woher sie die Information über den Event haben. Grundsätzlich nehmen jene Personen an einem Event teil, die am Thema des Events interessiert sind. Wenn es einen Event zu Nachhaltigkeit gibt, nehmen Personen teil, die sich für dieses Thema interessieren. Bei anderen Events oder beim Zusammensein im Schopf wird niemandem das Thema Nachhaltigkeit aufgezwungen. Es sind laut einem Interviewpartner vor allem «Personen, die mit offenen Augen durch die Welt gehen und offen sind für neue Dinge. Es sind interessierte, neugierige Personen, die bewusst zu leben probieren.»

Abb. 3: Eine Auslage von Flyern und Veranstaltungsinfos für Interessierte.

Abb. 3: Eine Auslage von Flyern und Veranstaltungsinfos für Interessierte.

Ziel des Vereins ist es daher, wie meine Interviewpartner/innen erzählen, neue und damit möglichst unterschiedliche Personen über die soziale Schiene «anzulocken». Dies gelingt ihnen beispielsweise durch die Raketenbar, den Schopf und die zahlreichen Events zu unterschiedlichen Themen. Die Raketenbar, welche es seit November 2015 gibt, generiert mit ihren Events, vorwiegend Konzerten, ein jüngeres Publikum. Vorträge oder Workshops, welche im Schopf stattfinden, sprechen ein spezifisches Publikum an, das teilweise aus älteren Personen bestehen kann. Durch die Ansprache von unterschiedlichen Publika können möglichst unterschiedliche Personen auf das Thema Nachhaltigkeit aufmerksam gemacht werden. Eine ideale, und für beide Seiten gewinnbringende Situation, besteht laut den Interviewpartner/innen, wenn man mit einer Person an einem sozialen Event ins Gespräch kommt. So könne man sich dem Thema Nachhaltigkeit annähern und vielleicht eine Person dazu bringen, sich für das Thema zu interessieren. An die Mitglieder würden jedoch keine Anforderungen gestellt. Daher sei auch nicht für jedes Mitglied das Thema Nachhaltigkeit gleich wichtig.
Die Aussagen der Interviewpartner/innen kann man dahingehend interpretieren, dass sich die Community nicht aufgrund von Einkommen, Bildung oder anderen Merkmalen bildet. Vielmehr geht es um das Interesse an den Events und Themen des Vereins. Dies erinnert an die Theorie der «Community of Practice» der US-amerikanischen Soziologin Jean Lave und dem Schweizer Sozialforscher Étienne Wenger aus dem Jahr 1991. Das gemeinsame Lernen kann gemäss dieser Theorie ein Grund für die Bildung einer Community of Practice sein. Gleichzeitig kann es das Ergebnis einer Gemeinschaft sein, wie es Étienne Wenger in seinem eigenen Aufsatz zum Thema erwähnte (vgl. Wenger 2009, 1). Auch Penelope Eckert, Professorin an der Stanford Universität für (Sozio-)Linguistik, beschäftigte sich mit dem Thema und meinte, dass es in einer derart verstandenen Community darum gehe, dass die Mitglieder dieselbe Sichtweise auf die Gemeinschaft selbst, aber auch die Welt allgemein hätten. Basis für eine Community of Practice seien deshalb gemeinsame Interessen, Werthaltungen und Weltvorstellungen (vgl. Eckert 2006, 1-3). Auch die Kulturanthropologin Maria Grewe behandelt in ihrer Studie zu Reparaturinitiativen die Bildung von Gemeinschaften und die Theorie der Community of Practice. Solche Gemeinschaften beziehungsweise Communities of Practice haben gemäss Grewe eine spezifische soziale Funktion: Sie bieten Kontaktzonen zum Beispiel für Personen aus der Nachbarschaft, die sich sonst nicht begegnen würden. Sie sind ein «lokaler Kommunikationsort», der die Gemeinschaft fördert und für Toleranz einsteht (Grewe 2015, 283).
Die Interviewpartner/innen erzählten weiter, dass der Verein finanziell nicht selbsttragend und daher auf seine Community angewiesen sei. Die Vereinsmitglieder bezahlen einen Jahresbeitrag von 50 Franken und vor allem der Schopf lebt von Freiwilligenarbeit. Die Vorstandsmitglieder und andere Mitglieder des Vereins füllen jeweils für einen Monat einen Online-Terminplaner aus und dann werden die Schichten für den Schopf verteilt.
Aufgrund der Jahresbeiträge stellt sich aber die Frage, wie offen die Community für wirklich alle, also auch für Personen mit einem kleinen Einkommen, ist. Gemäss den Aussagen der Interviewpartner/innen erscheint der Verein Hochneun als eine offene Community, in der jeder willkommen ist. Nichtsdestotrotz schliesst sie Personen aus, die zum Beispiel keinen Jahresbeitrag bezahlen wollen oder können. Der Begriff der Community of Practice lässt sich dennoch sehr gut auf den Verein anwenden. Personen, die sich für die Themen und Events des Vereins interessieren, unabhängig davon ob es ökologische Themen sind oder nicht, sind wahrscheinlich auch dazu bereit, den Verein finanziell zu unterstützen. Wer sich nicht für Themen wie Nachhaltigkeit interessiert, interessiert sich nicht für den Verein. Die Community des Vereins Hochneun entsteht auf Basis von gleichen Interessen, Werten und Weltansichten, und bietet soziale Kontaktzonen an, genau wie es die sozialwissenschaftliche Theorie für eine Community of Practice beschreibt. Eine Interviewpartnerin fasst dies mit den folgenden Worten sehr treffend zusammen: «Wir wollen möglichst offen sein für alle. [...] Und wenn das jemand blöd findet, dann soll er das halt blöd finden.»

Was bedeutet das nun?
Abschliessend kann gesagt werden, dass sich der Verein Hochneun stark bemüht, eine Community zu bilden, die für jeden offen ist und in welcher jeder willkommen ist, völlig unabhängig von Einkommen, Bildung oder Herkunft. Wer jedoch ein Mitglied des Vereins sein möchte, muss einen Jahresbeitrag bezahlen. Durch die unterschiedlichen Standorte und unterschiedlichen Veranstaltungen zieht der Verein Hochneun ein breites Publikum an. Dieses Publikum soll dann über Flyer, die im Schopf ausliegen, oder durch Gespräche auf das Thema Nachhaltigkeit aufmerksam gemacht und dafür sensibilisiert werden. Wie die Interviewpartner/innen herausstreichen, vertritt der Verein dabei die Einstellung, dass jeder nachhaltig leben könne und auch kleine Schritte schon etwas bewirkten. Man müsse nur wissen, wie man jede Person unterschiedlich auf das Thema anspreche, damit ihr oder sein Interesse geweckt werde. Es bildet sich demnach keine homogene Community aufgrund eines nachhaltigen Lebensstils. Sondern gerade umgekehrt bildet sich zuerst eine heterogene Community, in welcher jede und jeder nach und nach mit dem Thema Nachhaltigkeit in Kontakt kommt und dabei unterstützt wird, wie sie oder er einen Schritt zu einem nachhaltigeren Lebensstil machen kann.

Zum Schluss bleibt zu sagen...
Das Engagement für eine nachhaltige Nachbarschaft seitens des Vereins wird von allen Interviewpartner/innen hervorgehoben und soll an dieser Stelle weder bezweifelt noch mit Blick auf die Empirie hinterfragt werden. Nichtsdestotrotz bleibt offen, ob es blinde Flecken gibt, die der Verein nicht beachtet. So stellt sich zum Beispiel die Frage, ob das Quartier des Kreis 9 eine Gegend ist, in der sowieso mehrheitlich Personen wohnen, die über ein höheres Einkommen verfügen oder einen bestimmten Bildungsabschluss vorweisen. Der Verein wirkt glaubwürdig in seinem Ziel, niemanden bewusst ausschliessen zu wollen, jedoch kann er strukturelle Exklusion, beispielsweise auf Basis von sozialer Schichtzugehörigkeit oder anderen soziodemographischen Faktoren, wohl nicht gänzlich vermeiden. Der Verein kann von sich aus noch so offen sein, es wird immer Personen geben, die sich durch die dort praktizierten Werte und Stile nicht angesprochen fühlen und nicht Teil des Vereins sein möchten. Dazu passt abschliessend die Aussage des Kulturwissenschaftlers Wolfgang Kaschuba, dass nur in jenen urbanen Zonen, in denen Stadträume als eine «Zone öffentlichen und inter-kulturellen Lebens» (Kaschuba 2015, 25) wiederentdeckt würden, Communities ihre Gemeinsamkeiten und ebenso Verschiedenheiten erfahren könnten: «Der neue Urbanismus fordert uns also dazu heraus, [diese Zonen] als gesellschaftlichen Experimentierraum zu nutzen, um Stadtgesellschaft und Stadtlandschaft entlang nachhaltiger kultureller Ideen weiterzuentwickeln» (Kaschuba 2015, 28).

Literaturverzeichnis

Blühdorn, Ingolfur: Demokratie als Selbstillusion. URL: http://ralfschwartz.typepad.com/mc/2011/07/die-gazette-demokratie-als-selbstillusion.html (Abgerufen: 20.05.2018).

Brunner, Karl-Michael: Nachhaltiger Konsum und soziale Ungleichheit. In: Working Papers. Verbraucherpolitik, Verbraucherforschung. Wien: Arbeiterkammer, 2014, 3-24. 

Eckert, Penelope: Communities of Practice. URL: http://web.stanford.edu/~eckert/PDF/eckert2006.pdf (Abgerufen: 22.08.2018).

Fenske, Michaela: Historisches Wissen als Ressource. Wie das urbane Kreativmilieu mit Vergangenheit Zukunft (selbst-)macht. In: Nikola Langreiter und Klara Löffler (Hg.): Selber machen. Diskurse und Praktiken des «Do it yourself». Bielefeld: transcript, 2017, 221-243. 

Grewe, Maria: Reparieren als nachhaltige Praxis? In: Markus Tauschek und Maria Grewe (Hg.): Knappheit, Mangel, Überfluss. Kulturwissenschaftliche Positionen zum Umgang mit begrenzten Ressourcen. Frankfurt a. M.: Campus Verlag GmbH, 2015, 267-289.

Hochneun: Der Verein. URL: https://www.hochneun.ch/der-verein/ (Abgerufen: 09.11.2018).

Interview in Zürich West. Aerni, Urs Heinz: Wir sehnen uns nach mehr Kultur vor der Haustür. In: Zürich West, 14.01.2015, 5. URL: https://www.hochneun.ch/der-verein/medienecho/ (Abgerufen: 14.11.2018). 

Kaschuba, Wolfgang: Vom Wissen der Städte. Urbane Räume als Labore der Zivilgesellschaft. In: Berliner Blätter 69, 2015, 13-29. 

Neckel, Sighard: Ökologische Distinktion. In: Sighard Neckel, Natalia Besedovsky, Moritz Boddenberg, Martina Hasenfratz, Sarah Miriam Pritz und Timo Wiegand (Hg.): Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Umrisse eines Forschungsprogramms. Bielefeld: transcript, 2018, 59-76. 

Wenger, Etienne: Communities of Practice. A brief Introduction, 2009. URL: http://neillthew.typepad.com/files/communities-of-practice.pdf (Abgerufen: 22.08.2018).

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Fotografie von Lilian Brem, Zürich, Juli 2018.

Abb. 2: Fotografie von Lilian Brem, Zürich, Juli 2018.

Abb. 3: Fotografie von Lilian Brem, Zürich, Juli 2018.